Die Gesellschaft will den Sinn für das nach Form und Inhalt gute und schöne Buch pflegen...“, so heißt es im Programm der Maximilian-Gesellschaft, die 1911 in Berlin gegründet wurde und nach Kaiser Maximilian I., einem Humanisten auf dem Thron, benannt wurde. Heute ist der Sitz der Gesellschaft in Hamburg. Trotz Zerstörungen und Zusammenbruch hat sie sich bei ihren neuen Ausgaben weiter von dem Grundsatz leiten lassen – das schöne und vor allem das vom normal kalkulierenden Verlag heute nicht verlegte Buch herauszubringen. Entsprechen die neuen Ausgaben diesem eigenen Maßstab?

Da ist zunächst ein Buch, dessen Titel lautet: Leben und Wandel Lazaril von Tormes. – Und beschreibung, wass derselbe für Unglück und widerwertigkeit aussgestanden hat. Dies ist vielleicht die wichtigste literarische Veröffentlichung der Gesellschaft. Zugrunde liegt ein Text der Dombibliothek zu Breslau. Dieser Text – von 1614 – ist die erste deutsche Übersetzung des spanischen Schelmenromans Lazarillo de Tormes. Historisch gesehen, beginnt mit dieser Übersetzung eine eigene deutsche literarische Entwicklung, deren Höhepunkt durch den Simplicius Simplicissimus des Grimmelshausen gekennzeichnet ist. Für jeden, der an der Entwicklung des Romans als der vielleicht wichtigsten schriftlichen Aussageform des Abendlandes seit dem Barock interessiert ist, ist diese Veröffentlichung, die Hermann Tiemann edierte, eine große Freude.

Freude an Büchern – im Zeitalter der Pocketbooks und der „billigen Reihen“ mutet sie die Supermodernen als „antiquiert“ an. Wer freilich jedes Gefühl dafür verloren hat, daß zwischen Aufmachung und Inhalt eines Buches ein vernünftiges Maß bestehen muß, wer nicht mehr spürt, daß ein Pin-up-Girl auf dem Umschlag von Thomas Wolfes „Schau heimwärts, Engel“ auf die Dauer eben doch eine grausame Relation zwischen Inhalt und äußerer Form zur Folge hat – der freilich wird auch für die Herausgabe des handgeschriebenen Manuskripts Der Tor und der Tod von Hofmannsthal kein Verständnis haben. Warum? – Gedruckt kann man’s doch viel besser lesen...

Das stimmt sogar: denn Hofmannsthals Schrift – man erkennt es in der Ausgabe der Maximilian-Gesellschaft – ist schön, jedoch nicht frei von einer belastenden Ornamentik. Eine gewisse Schwere haftet ihr an – etwas Altes bei diesem damals so jungen Schreiber.. Die drei letzten Worte auf der letzten Seite: Finis – Deo gratias – bestürzen den Leser. Der Dichter dankt Gott für das Werk, das Gott ihn schaffen ließ – im gedruckten Exemplar wirkt dieser lateinische Satz nicht so.

Eine Erzählung von Oskar Kokoschka, die er selbst illustrierte, Shakespeares Schauspiel Troilus und Cressida in der Übersetzung von Rudolf Alexander Schröder und eine reichhaltige Zusammenstellung der venezianischen Buchgraphik des 18. Jahrhunderts (auf die wir in unserer letzten Ausgabe Nr. 14 vom 2. April schon hinwiesen) runden das Programm der Gesellschaft ab.

Nach 1945 hat die Gesellschaft ihre frühere Exklusivität aufgegeben und den numerus clausus gestrichen. Jeder kann nun Mitglied werden. Dieser Entschluß war richtig: denn heute müssen die Freunde der Bücher zusammenhalten gegen Fanatiker, die behaupten, alles Bibliophile sei „bürgerlich reaktionär“, halte vom Erfassen wahrer inhaltlicher Werte nur ab. Das Gegenteil ist fast richtig: daß es heute Leser gibt, die das eben schon erwähnte Pin-up-Girl auf der Thomas-Wolfe-Ausgabe nicht stört, ist höchstens ein Zeichen dafür, wie ein Stück Barbarei uns allen schon so zur Gewohnheit geworden ist, daß wir glauben, mit ihm leben zu können, ohne selbst ganz und gar Barbaren zu werden. P. H.