Die schwere Flutkatastrophe, die im Februar an den Küsten des Kontinents und Englands in wenigen Stunden über 2000 Menschen das Leben kostete, Zehntausende obdachlos machte und Schäden anrichtete, die in die Milliarden gehen, zeigt uns in erschreckender Weise, wie sehr das Schicksal der Menschen, die hinter den Deichen wohnen, von der Sicherheit der Deiche abhängt. Die Angst und Sorge wohnt auch hinter unseren Nordseedeichen.

Die Deiche sollen nun befestigt und erhöht werden. In Bonn ist man an der Arbeit, und es steht zu erwarten, daß die Deichbehörden ganze Arbeit leisten werden. Aber es taucht die Frage auf: Hat es noch einen Sinn, die alten Deiche zu sichern, ist es nicht vorteilhafter, wenn wir jetzt ganze Arbeit machen und mit modernen Mitteln dem Meere das wieder abringen, was es uns vor Jahrhunderten in großen Sturmfluten genommen hat?

Ein Blick auf die Karte zeigt, wie es ausgesehen haben muß, als noch die langen Ketten der Nord- und Ostfriesischen Inseln zum Festland gehörten. Wenn zur Ebbe das Wasser zurücktritt, dehnt sich vor den Deichen die unübersehbare Fläche der Watten, halb Land, halb Meer, aber gesegnet mit unendlicher Fruchtbarkeit: Brot und Arbeit für hunderttausend Menschen.

Es war 1929, als der Verfasser dieser Zeilen der Regierung ein Projekt vorlegte, das die Eindeichung des Wattenmeeres vorsah. Damals wurde es abgelehnt. In der Zeit der großen Wirtschaftskrise waren keine Mittel vorhanden. Noch lag Ackerland zum Siedeln brach und konnte billig erworben werden. Außerdem erschien es der Regierung fraglich, ob sich genug Bauern finden würden, die für Marschsiedlungen geeignet wären. Aber heute hat sich das Blatt gewendet. Wertvolles Ackerland ist knapp geworden, viele tausend Bauern, aus ihrer Heimat vertrieben, hungern nach Land. Deshalb sollte man es sich erneut durch den Kopf gehen lassen, wie man das Wattenmeer eindeichen und es damit den menschlichen Bedürfnissen dienstbar machen könnte.

Es wäre zu erwägen, ob man nicht von der bisherigen Art der Deichbauten ganz abgehen sollte. Die Verbindungen zwischen den Halligen könnten durch eiserne Sandkästen von etwa 100 bis 150 m Länge und, je nach der Wassertiefe, von 15 bis 20 m Sohlenbreite hergestellt werden. Es kommen für die einzelnen Teilstrecken zusammen etwa 30 km Länge in Frage, die durch ungefähr 240 Senkkästen hergestellt werden könnte. Durch diese Methode verlegt man die Hauptarbeit aus dem unruhigen Meer, das durch Stürme und Gezeitenwechsel ständig beeinflußt wird, in die ruhigen Gewässer der Eider, Elbe und Weser. Die Herstellung dieser Senkkästen erfordert keine komplizierten Arbeitsmethoden, auch keinen hochwertigen Schiffbaustahl und nicht die stabile Konstruktion unserer Seeschiffe. Die Wandstärken können gering sein, denn die Senkkästen sollen nur wenige Jahrzehnte das Füllmaterial zusammenhalten.

Voraussichtlich werden nur für Wyk auf der Insel Föhr und für Husum je eine Schleuse erforderlich sein. Auch diese sollen als Dockkörper in den Werften hergestellt und dann an ihrem Bestimmungsort versenkt und von innen ausgemauert werden. Der Meeresboden und die Watten müssen für die Docks und Senkkästen vorbereitet bzw. müssen die Senkkästen dem Meeresboden angepaßt werden. Das Versenken der fertigen Senkkästen könnte bei Stauwasser erfolgen. Die Abdichtung zwischen je zwei Senkkästen geschieht durch Betonklötze. Ist in dieser Weise die Deichlinie ausgelegt, dann ist die Abschließung des Hinterlandes gesichert, denn die mit Wasser gefüllten Senckästen widerstehen der stärksten Flut. Über die Senkkästen hinweg wird nun für die Transportzüge ein Doppelgleis ausgelegt, die von den Dünen auf Sylt und Amrum das Füllmaterial herbeischaffen. Die Außenlinie des Deiches wäre dann noch durch Steinschüttungen gegen Unterspülungen zu sichern. Wenn im Laufe von Jahrzehnten das Eisen der Senkkästen durch Rost zerstört wird, ist der Deich so gesichert, daß diese Zerstörungen ihm nicht mehr schaden können.

Der vom Meerwasser mitgeführte Schlick ist ein kostbares Geschenk des Meeres. Er allein sichert die Fruchtbarkeit unserer Nordseemarschen. Sein Herkunftsgebiet ist die weite Fläche der Doggerbank. Hier leben und sterben seit Jahrtausenden ungeheure Mengen verschiedener Arten von Kleinstlebewesen, die den Fischen zur Nahrung dienen. Bekannt sind diese Lebewesen unter dem Namen Plankton. Die abgestorbenen Überreste, verbunden mit den Stoffwechselprodukten der Fische, werden durch die vorhandene Strömung am Sinken verhindert und gegen unsere Nordseeküsten geführt. Dort, wo das Wasser vorübergehend zur Ruhe kommt, lagert sich der Schlick ab und bildet dann, vermischt mit den Sinkstoffen, die Elbe und Weser ins Meer befördern, den wertvollen grauen Boden. Aber nur ein geringer Teil des Schlicks lagert sich an unseren Küsten ab. Um die Ablagerung zu fördern, wird es notwendig sein, vor dem Außendeich Buhnen aufzuschütten, zwischen denen sich der Schlick ablagern kann. Als wertvolles Düngemittel kann er dann zum Verbessern des alten Marschbodens Verwendung finden.