Fehldeutungen richtiggestellt

Unseren Lesern wird Walter Abendroth nicht nur als Redaktionsmitglied der "Zeit" bekannt sein, sondern auch als Autor der maßgebenden Pfitzner-Biographie, vielleicht auch als Komponist. Man hörte seine Lieder und Kammermusik (im NWDR), lernte seine Symphonien kennen (erst unlängst gelang dem Bremer Generalmusikdirektor Schnackenburg eine authentische Wiedergabe). Und wesentlich ist, daß es sich hier nicht um einen Schriftsteller, der auch komponiert, handelt (wie bei Hugo Riemann), sondern um einen Komponisten, dem (wie es bei Robert Schumann der Fall war) das Schriftstellerische dort am Herzen liegt, wo es um wichtige musikalische, ja allgemein kulturelle Dinge geht. Doppelbegabungen kommen in allen künstlerischen Berufen vor; sie sind nichts Seltenes. Selten ist, daß die Arbeitsmittel einer Wissenschaft – in diesem Falle der Musikwissenschaft – in den Dienst einer Erkenntnissuche gestellt werden, die auf Allgemeineres, auf Höheres zielt: auf Bindung der Kunst ans Leben, auf Zeitdeutung, auf Philosophie. Eben dies hat Walter Abendroth in seinem neuen Buch erreicht, das unter dem Titel "Vier Meister der Musik im Prestel-Verlag, München, erschienen ist.

Die vier Komponisten, deren Meisterrang hier dargestellt wird, sind: Anton Bruckner, Gustav Mahler, Max Reger, Hans Pfitzner. – Abendroth weist auf das historisch-notwendige Pensum ihrer Lebensleistung hin und auf den musikgeschichtlichen Platz, den sie eroberten und "von welchem niemand und nichts sie mehr herunterstoßen kann ... Ihr menschliches Wesen und ihre Kunst sind zwar von geistigen und mentalen Kräften der deutschen Lebenssphäre geprägt worden. Sie unterscheiden sich darin durchaus etwa von lateinischer, slawischer oder sonstiger anderer Art. Aber ihnen gebührt Mitwirkung im vielsprachigen Kulturkonzert der Nationen, das ohne ihre Stimme unvollständig ist." – Tatsache ist, daß diese vier Meister – von denen Abendroth sagt, daß sie Metaphysiker waren – im internationalen Konzert bis heute keineswegs den ihnen gebührenden Platz einnehmen, so wunderlich dies für uns Deutsche erscheinen mag.

Welche Gründe sind es, die hier hemmend wirken? Bei Bruckner ist es die landläufige Etikettierung als "romantischer Symphoniker". Abendroth stellt klar: "Weder hat Bruckners Geisteshaltung ein romantisches Gepräge, noch sein symphonischer Stil". Es ist falsch, Wagnerisches in Bruckners Werk hineinzudeuten; es ist nicht weniger falsch, die unstreitbar vorhandene Katholizität des Meisters von St. Florian so sehr in erster Instanz zu sehen, daß das rein Musikalische in die zweite Instanz rückt Hier liegt die Schuld jener Interpreten, der Irrtum jener zelebrierenden Dirigenten, als deren Antityp neulich Hindemith auftrat, der am Kapellmeisterpult Bruckners Symphonien musizierte und nicht "ausdeutete". – Abendroth: "Fest steht, daß Bruckner überzeugend in seiner ganzen architektonischen Unantastbarkeit ersteht, wenn er einfach ‚musiziert‘ wird und nicht ‚gebetet‘." Denn eben dies wird ja so oft mißverstanden: Man spricht von "Weitschweifigkeit" und meint damit, daß die musik-architektonische Form nicht seine Stärke war, während doch – und Abendroths Analyse weist es nach – Bruckner in Wahrheit der überragende Architekt musikalischer Großformen war.

In Abendroths Deutung tritt uns Gustav Mahler als der "moderne Mensch" entgegen, der die Leere der heraufkommenden Zeit spürt und den Trost der Romantik sucht; ein Heimatloser in gefährdeter Welt – er wußte es selbst: "Ich bin dreifach heimatlos: als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt." Und Abendroth meint, er hätte hinzufügen können: "Zum vierten heimatlos als Suchender, Ringender, Sehnender unter lauter Zufriedenen." – "In ihm ist Liebe", hatte Pfitzner von Mahler gesagt. Was manchmal gegen ihn spricht, ist dies: Der Zauberer, der Verzauberte erliegt dem allzu Irdischen. "Die Mittel reißen ihn mit sich, die Technik überlistet seinen Idealismus, die Wollust des Herrschens lockt ihn zum Massenaufgebot, das Wunder zum Effekt." Doch "die Augenblicke solcher Niederlagen ... dürfen nicht zum Maßstab seines Wertes genommen werden". Was oft gegen das Publikum Mahlers spricht, ist dies: Es erliegt dem unernsten Spiel mit Assoziationen, der Programmdeutung, dem Trieb, nachspüren zu wollen, "was (außermusikalisches) sich der Komponist dabei gedacht" habe. Auch Gustav Mahler, der hier so manche Verlockung bietet, hat sich gar nichts dabei gedacht als eben gute Musik zu machen. Gustav Mahlers Symphonik ist – dem tief romantischen seines Wesens zum Trotz – keine Programm-Musik.

Auch Max Reger, der Frühverstorbene, dessen 80. Geburtstag (am 19. März) wir in diesem Jahr feierten, steht immer noch im Zwielicht: ein Janus-Gesicht. Dort die hohe Kunst altklassischer Kontrapunktik ("Kaum ein anderer Musiker seit Bach hat die mystische Mathematik dieser Kunst so beherrscht wie Reger."); hier der schöpferische Trieb, neue Möglichkeiten zu finden, das Neugewonnene auszuweiten, zu steigern, zu übersteigern sogar. Dabei tritt eine Widersprüchlichkeit zutage: Das thematische "Kleingebilde", das "Mosaikhafte" bestimmt den Gesamtcharakter dieser Musik, aber jene "Kleinräumigkeit" ist Mittel zum Aufbau formaler "Großräume". Man kann diesen Tatbestand gewiß auch negativ deuten; man hat es oft genug getan. Regers positive Antwort besteht in seinen meisterlichen Orgelfugen und in den Orchestervariationen auf Themen von Mozart und Hiller, in denen das "Mosaik" auf logisch zwingende Weise die Großform ergibt. Ein Künstler auf der Schwelle der Zeiten, wandte Reger den Blick zurück und vorwärts. Daher seine Problematik; daher seine Größe.

Zu Hans Pfitzner hat Abendroth enge persönliche und künstlerische Beziehungen gehabt. So faßt er diesmal zusammen, was in seiner Pfitzner-Biographie ausführlich dargestellt ist: das Bild eines Musikers, dem das kompositorische Handwerk Mittel, nicht Aufgabe war. Geistesgeschichtlich gesehen war Pfitzner (wie Mahler) ein Mensch des sogenannten "Bildungstyps"; als Schaffender hingegen war er naiv im Sinne jener Unmittelbarkeit, die immer das Zeichen des Genies ist; ein sensitiver Künstler, der um das "Reich des Unbewußten" wußte und aus ihm schöpfte. Also Romantiker? Spätromantiker, wie man ihn nennt? Ja und nein. Denn dies deutet Abendroth zum Abschluß an: daß manche der Besten aus der jüngeren Generation bereits wieder eine Ebene erstiegen haben, auf der sie in seiner, Pfitzners, Nähe stehen ...

Josef Marein