Am kommenden Sonntag werden es 25 Jahre her sein, daß zum ersten Male ein Flugzeug von Ost nach West ohne Zwischenlandung über den Atlantik flog. Es war ein deutsches Junkers-Flugzeug namens „Bremen“ und eine vornehmlich deutsche Flugzeugbesatzung: Hermann Köhl als Pilot und Freiherr E. G. v. Hühnefeld als Orter; ihnen hatte sich der Kommandeur der irischen Luftstreitkräfte, Oberst James C. Fitzmaurice, als Dritter -zugesellt.

Heute geht der Luftreiseverkehr von der Alten zur Neuen Welt und umgekehrt im regelmäßigen Turnus und nach festgelegtem Flugplan vor sich, und man wundert sich nur noch dann, wenn ein Flugzeug einmal verspätet an seinem Bestimmungsort ankommt. Was aber jener Flug wirklich bedeutete, der am 12. April 1928 knapp nach fünf Uhr morgens von dem irischen Flughafen Baldonel aus seinen Anfang nahm und nach 36 1/2 Std. mit der Landung bei dem Leuchtturm von Greenly Island auf Neufundland sein Ende fand, haben die meisten Menschen längst vergessen. Zunächst war dieser Flug eine hervorragende Sportleistung. Die Gefahren der Ost-West-Richtung galten damals (und sie sind es in gewisser Weise auch heute noch) als erheblich größer als die des West-Ost-Fluges. Die Flugstrecke der „Bremen“ betrug 6570 km, während die Luftlinie Baldonel–Greenly Island nur 3700 km mißt, denn die Besatzung, der „Bremen“ mußte aus meteorologischen Gründen von vornherein eine erhebliche Schleife in westlicher Richtung in Ansatz bringen, die sie dann auch geflogen hat. Diese Strecke wurde in Eis- und Regenstürmen, größtenteils bei Nacht, überwunden und ohne zuverlässige Kenntnis der Richtung und der Lage, da unterwegs Störungen der magnetischen Orientierungsvorrichtung eingetreten waren. Diese Unwetterzonen, die mit den vor dem amerikanischen Festland sich südwärts vorschiebenden Tiefdruckgebieten wandern, hatten alle früheren Ost-West-Flugversuche über den nördlichen Atlantik zum Scheitern gebracht. Sie zu überwinden, war die besondere Leistung der Junkers W 33 und ihrer Besatzung, ein Ergebnis sorgfältiger wissenschaftlicher Vorbereitung und größter Beanspruchung für Mensch und Material. Hier lag auch vor allem die Bedeutung des Fluges: in den Erfahrungen, die man in technischer wie navigatorischer Hinsicht sammeln und auswerten konnte, und die einen wesentlichen Fortschritt in der Entwicklung des Transatlantik-Flugverkehrs brachten. Der „Bremen“-Flug des Jahres 1928 von Irland nach Neufundland (mit einem unfreiwilligen Abstecher nach Labrador) und schließlich weiter nach New York war der direkte Vorläufer des heutigen Transozean-Flugdienstes.

So hatte der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Herbert Hoover, schon recht, als er anläßlich eines Banketts zu Ehren der drei tapferen Männer sagte: „Wir stehen in der Schuld der Männer, die wir heute feiern. Sie haben eine große Tat vollbracht; sie haben beigetragen zum Fortschritt in der Flugkunst und das Vertrauen in die Zukunft erhöht. Aber noch mehr, sie haben uns in Amerika die Gelegenheit gegeben, unsere Bewunderung für das Volk auszusprechen, das solche Männer hervorgebracht hat.“ Als das deutsche Flugzeug am 13. April im Jahre 1928 so ganz unerwartet auf Greenly Island landete, glaubten die Bewohner der Insel zunächst, es wäre aus Quebec gekommen. Als sie erfuhren, daß der große Metallvogel direkt aus Europa herübergezogen war, war die Verwunderung grenzenlos, und der Leuchtturmwärter sprach die schönen, den Piloten immer unvergessen gebliebenen Worte: „Der gute Gott hat Sie geführt und sicher gerettet.“ Und das war auch die Meinung der ganzen Welt, denn alle Versuche zuvor, von Ost nach West zu fliegen, waren vergeblich gewesen. Die besten Flieger der verschiedensten Nationen hatten dabei ihr Leben gelassen, sie verschwanden in den Wellen oder in den eisigen Regionen des Nordens. Man weiß heute noch nichts von ihrem Schicksal. Glücklicher waren die, die den umgekehrten Weg wählten, also von Amerika nach Europa flogen. Schon im Frühjahr 1919 hatte das große Wettfliegen über den nordatlantischen Ozean eingesetzt, als der Amerikaner Read auf einem Curtis-Riesenflugboot von den USA nach den Azoren flog und nach einem Aufenthalt von mehreren Tagen seine Reise nach Lissabon fortsetzte. Kurz nach ihm glückte es dem Engländer Alcock, mit seinem Vickers-Vimy-Großflugzeug die Strecke Neufundland–Irland in nur 16 Stunden 12 Minuten ohne Unterbrechung zurückzulegen. Doch erst rund acht Jahre später flog dann Charles Lindberg auf seiner „Spirit of St. Louis“ vom New Yorker Roosevelt-Field nach Paris-Le Bourget, wo er am 21. April 1927 glatt landete. Zum erstenmal war ein Direktflug von Kontinent zu Kontinent geglückt. Die große Zeit des transatlantischen Luftverkehrs war angebrochen.

Was ist nun aus den Männern geworden, die den Ruhm für sich in Anspruch nehmen können, als erste von Ost nach West geflogen zu sein? Der Freiherr v. Hünefeld, der Anreger dieses Pionierfluges, überlebte seine große Tat nicht lange – er starb am 5. Februar 1929 in Berlin an den Folgen einer Operation. „Das war kein gewöhnlicher Mann“, sagte sein Kamerad Fitzmaurice über ihn, „das war der Extrakt deutscher Aristokratie, voll Disziplin, Energie, Entschlossenheit und Selbstzucht.“ Hermann Köhl, der Pour-lemérite-Ritter des ersten Weltkrieges, den die Nationalsozialisten nicht mochten, übernahm 1935 in Rom die Leitung des Flugbetriebes der von Pater Paul Schulte begründeten Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft „Miva“ und starb im Jahre 1938. Von Fitzmaurice hatten wir lange nichts mehr gehört. Er war für uns verschollen. Jetzt aber wird er noch einmal nach Deutschland kommen, um in der nächsten Woche an einer Gedenkfeier in Bremen teilzunehmen, die die Erinnerung an den Transatlantikflug der „Bremen“ wiederbeleben soll. W. F. Kleffel