Von Marion Gräfin Dönhoff

Biskra (Algier), im April

Das war zunächst eigentlich eine rechte Enttäuschung: ich hatte bisher geglaubt, eine Oase sei zum Schatten spenden und Leben fristen, allenfalls zum Ergötzen da. In meiner von Karl May entfachten Phantasie lebte sie als die letzte Zuflucht des verdurstenden Beduinen, als das erräumte Paradies aller Wüstenbewohner. Und nun sah ich zum erstenmal in meinem Leben eine Oase, und da ist alles anders –: das so unvorstellbar kostbare Land ist mit dummen Hotels zugebaut, anstatt mit sinnvollem Grün bepflanzt. Seine lässig und edel schweigsamen Araber, sondern dreiste, geschwätzige Burschen, deren Auge gierig nach Touristen schweift. Und was nun wirklich im Bereich der Wüste doch wohl als Sakrileg zu bezeichnen ist: im Garten des Hotels ein swimming pool.

Zum Mittag gab es Salat. Aber wenn ich ein Stück Oase besäße, würde ich jedenfalls nicht Salat pflanzen für die albernen Städter, die in sechsstündiger Autofahrt zu ihrem Pläsier von Algier nach Bou Saada fahren und am anderen Tage wieder nach Algier zurückkehren, und die dort alle Gemüse und Früchte, die man sich nur vorstellen kann, genießen können. Aber was würde ich eigentlich anbauen? Kartoffeln? Karotten? Oder lieber gleich Rosen? Merkwürdigerweise erscheint in dieser verkehrsfreudigen Welt die Einmaligkeit der Oase in einem ganz veränderten Licht, mindestens aus der Perspektive des Blitzreisenden – für den Kameltreiber ist sie sicherlich noch immer die gleiche.

Die Frage, was ich täte, besäße ich ein Stück Oase, fand erst viel später nach vielen Unterteilungen eine endgültige und befriedigende Klärung: Ich würde eine Palme – einen Dattelbaum – pflanzen. Nicht nur, weil das Pflanzen eines Baumes eine der letzten sinnvollen Tätigkeiten in dieser verrückten Welt ist, sondern auch darum, weil man hierzulande von einer Dattelpalme leben kann. Mit Familie braucht man zwei bis drei, so hat mir glaubhaft ein Oasenbewohner versichert. Pro Baum kann man nämlich mit netto 10 000 ffr. (also 100 DM) rechnen, und das reicht für bescheidene Ansprüche.

Und wieviel Arbeit das macht? Alles zusammen: wässern, graben, pflegen, ernten... schon sind zwei Monate um. Das ist also die Sache! Wieso plagt man sich eigentlich in einem unwirtlichen Klima zwölf Monate lang (um dann oberhalb des – allerdings relativen – Existenzminimums alles weggesteuert zu bekommen), wenn man hier dasselbe mit zwei Monaten Arbeit erreicht und dann die restlichen zehn Monate in würdiger Muße unter seinem eigenen Palmenbaum sitzen kann?

Doch zurück zu Bou Saada. Ich war fest entschlossen, so rasch wie möglich zu flüchten; ich suchte und fand einen Omnibus, der mich in sechs Stünden nach Biskra, dem Beginn der eigentlichen Wüste, bringen sollte. Diesmal bestiegen nur ernste, in schöne weiße Burnusse gehüllte Männer den grau bestaunten Bus. Sie wurden nach einem geheimnisvollen System während der nächsten Stunden nach und nach entlang der Piste – die richtige Straße hörte bald auf – in der Wüste ausgesetzt. Und stets begannen sie sogleich eiligen Schrittes, als gälte es, noch rasch zu einer wichtigen Sitzung zur Zeit zu kommen, einem unerfindlichen Ziel zuzustreben. Lange noch sah man sie als immer kleiner werdende Punkte über die endlose Weite wandern.