Neapel, im April

Plötzlich entdeckten wir, daß es auch ein modernes Pompeji gibt. Es hat 16 000 Einwohner und besitzt eine riesige marmorne Kathedrale, die freilich nur eine späte Nachfolgerin der normannischen Kuppelkirchen ist. Buntbemalte zweirädrige Karren knarrten durch die Straßen, fast die ganze Nacht hindurch. Ein freundliches Bild. Aber sollte der Vesuv, in dessen Inneren augenblicklich die Temperatur steigt, wieder einmal schlechter Laune sein, in zweitausend Jahren gäbe es nur wenig, was vom modernen Pompeji noch sehenswert wäre.

Im alten Pompeji sind weitere Straßenzüge ausgegraben worden, darunter die Schule, mit schönen Wandmalereien. Aber zwei Fünftel der Stadt liegen noch immer unter der Asche. Beim Umherwandeln im ausgegrabenen Pompeji kommt einem unwillkürlich der Gedanke, daß es töricht ist, einen gottlosen Menschen „heidnisch“ zu nennen. „Fromm“ hat Hölderlin das heidnische Altertum genannt. Die Tempel und Altäre – nirgends sieht man dies deutlicher als in Pompeji – beherrschten jeden Hauch des privaten und öffentlichen Lebens. Selbst beim Sport und in den Spielen der Jugend.

Andererseits ... „Nichts Neues unter der Sonne“ – das ist in Pompeji deutlich demonstriert. Fand man nicht auf den Ruinenwänden Deutschlands nach dem Kriege Inschriften politischer Art, die all die Jahre des Nationalsozialismus überstanden hatten, und die Bomben dazu? In Pompeji haben die Wahlschlager zweitausend Jahre überdauert. Da sind Inschriften der Kandidaten, die ihre Bürgertugenden anpreisen. „Alles wird anders werden“ – heißt es da – wenn man nur den Richtigen wählt. „Ein Wunder ist es, o Mauer“ hat ein pompejanischer Ohne-Michler dreimal den Wahlaufrufen in Pompeji hinzugefügt, „daß du nicht eingefallen bist, da du so viel lästiges Gekritzel ertragen mußt.“ Sie fiel nicht ein. Ob das ein Sinnbild ist? Für die Zähigkeit der Demokratie? H. P. L.