Das Geheimnis und das Wunder der wirtschaftlichen Entwicklung US-Amerikas in den letzten fünfundzwanzig Jahren ist nicht zuletzt entscheidend durch die Tatsache zu erklären, daß dort die elektrische Leistung ausreichend und billig zur Verfügung gestellt wurde und – wo das noch nicht möglich war – man eifrig dabei ist. Das sagenhafte Kalifornien etwa ist ein Land von dem l,5 fachen Umfang der Bundesrepublik. Nur wenige Wochen im Jahr, in der Jahreszeit, die wir mit Winter bezeichnen, fällt Regen. Während der übrigen Zeit des Jahres scheint die Sonne über diesem Land. Es wäre eine Steppe, wenn nicht mit Hilfe des elektrischen Stromes die Bewässerung durchgeführt worden wäre und damit ein Agrarvolumen erzielt wird von für unsere Verhältnisse unvorstellbarem Ausmaß.

Wenn in Deutschland zur Zeit etwa 1 PS elektrisch angetriebene Maschinenleistung, in den USA dagegen 8 PS Maschinenleistung auf den Kopf eines Werktätigen kommen, so mußte das schon zwangsläufig einen vergleichsweise spezifisch höheren Ausstoß von Produktionsgütern aller Art zur Folge haben. Im Staate Michigan sah der Verfasser eine Farm von etwa 320 Morgen, davon rund 100 Morgen Maisboden und 220 Morgen Mähwiesen und Weiden, die im wesentlichen auf Milch- und Sahneproduktion eingestellt war; sie wurde von Vater und Sohn, also von nur zwei Leuten, bewirtschaftet, was nur möglich war, weil alles auf dem Hof elektrisch gemacht wurde, das Trocknen von Heu, das Melken der Kühe, die Kühlhaltung der Milch, die Beseitigung des Mistes aus den Kuhställen mit Hilfe eines einfachen Transportbandes. Stromrechnung: monatlich nicht ganz 10 Dollar. Also immer das gleiche Bild. Möglichst hoher Produktionsausstoß mit möglichst sparsamem Einsatz von Menschenkraft.

Damit noch nicht genug: Aus einem Geschäftsbericht 1951 der Elektro-Watt, Zürich, einer Holdinggesellschaft für elektrische Unternehmen, geht folgendes hervor: Während in der öffentlichen Stromversorgung der USA von 1946 bis 1950 die Rekordsumme von 8 Mrd. $ investiert wurde, werden die geplanten Neuanlagen in den nächsten drei Jahren weitere 7 Mrd. $ erfordern. Das gesamte Ausbauprogramm der amerikanischen Versorgungsunternehmen, die sich zu 80 v. H. in privatem Besitz befinden (das Programm umfaßt von 1946 bis 1953 schätzungsweise 35 Mill. kW für Kraftwerke und Netzausbauten), wird mit l5 Mrd. $ für die ersten acht Nachkriegsjahre genau das Dreifache des seinerzeitigen Voranschlages von 1946 betragen! Trotz der in den letzten Jahren vollbrachten gewaltigen Leistung hielt das Tempo des Ausbaus der Stromerzeugungs- und -verteilungsanlagen nicht Schritt mit der alle Voraussagen übertreffenden Nachfrage.

Die elektrizitätswirtschaftliche Entwicklung in den USA liefert also den besten Beweis, daß eine Verbilligung des elektrischen Stromes eine proportionale Vermehrung des Energiebedarfs auslösen kann, deren Grenzen überhaupt nicht eindeutig bestimmbar sind. Während in den USA ein Baufacharbeiter größenordnungsmäßig ein Sechzigstel seines Stundenlohnes für eine Haushalt-kWh aufwenden muß, ist es in der Bundesrepublik ein volles Zehntel. Diese Zahlen sprechen für sich. Trotz der Nichtvergleichbarkeit mancher Umstände, wie z. B. niedrigere Kohlenkosten, Kapitalreichtum in den Staaten usw., ist dieses bessere Ergebnis nicht zuletzt eine Folge davon, daß die Amerikaner das Problem frühzeitig angefaßt haben. Es zeigt die Richtigkeit des in Amerika eingeschlagenen Weges in der Energieaufsicht durch die Überwachung der Tarife im Gegensatz zur deutschen "Investitionskontrolle".

Die Überwachung und Gestaltung der Tarife ist das Kernstück der Energieaufsicht in Amerika. Das Ziel der staatlichen Überwachungsbehörden (Staatskommissionen) ist sowohl der Schutz des Verbrauchers durch einen vernünftigen Preis, wobei darüber hinaus auch ein Gläubigerschutz wahrgenommen wird durch die Genehmigung von Anleihen, Darlehen und des Aktienkapitals, als auch ein angemessener Gewinn für die Elektrizitätsgesellschaften. Auf Grund der amtlichen Verpflichtungen für die Staatskommissionen, die Tarife zu überwachen, bestehen einheitliche Buchführungsrichtlinien, ein einheitliches Bilanzschema, aus denen die Unternehmungsergebnisse leicht feststellbar sind.

Die Neufestlegung von Tarifen erfolgt auf einer genauen Überprüfung der Betriebskosten; die Staatskommissionen haben daher das Recht der Einsichtnahme und Überprüfung sämtlicher Geschäftsvorgänge, wenn notwendig, an Ort und Stelle auf Kosten der Unternehmer. Die Festsetzung bzw. Genehmigung eines neuen Tarifes ist in den Staaten Gegenstand einer öffentlichen Verhandlung, zu der jedermann Zutritt hat. Über die zu verhandelnden Anträge bzw. Verfahren bei der Kommission besteht Publikationspflicht. Nichts wirkt erzieherischer und fördernder für einen Wettbewerb, wenn jedermann, d. h. die Öffentlichkeit, sich ein Bild über die von den einzelnen Stromversorgungsunternehmen verlangten Strompreise machen kann, denn in der "Öffentlichkeit" kann man es sich nicht leisten, ohne Grund "aus der Reihe zu tanzen". Bei uns fehlt diese Art und dieser Umfang der Publikation vollständig. Man sollte auch bei uns in dieser Hinsicht mehr tun als bisher.

Man kommt deshalb an der Frage nicht vorbei, reiflich zu überlegen, ob nicht auch bei uns die Tarifkontrolle nach amerikanischem Muster anstatt einer bisher im Vordergrund stehenden Investitionskontrolle das entscheidende Mittel werden könnte, um die Energieversorgung im Sinne der Präambel des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes von 1935 endlich "so sicher und so billig wie möglich zu gestalten". G. Bremer