Im Lande der muselmanischen Franzosen – In Algerien ist die Opposition maßvoll

Von Marion Gräfin Dönhoff

Algier, im April

Als ich am Morgen meiner Ankunft in diesem Lande mit dem Trolley-Bus in die Stadt hinunterfuhr, weigerte sich der Schaffner, die französischen Münzen anzunehmen, man könne nur mit algerischem Geld bezahlen. Auch meine Vorstellungen, daß ich dann genötigt sei, entweder den weiten Weg zum Hotel wieder hinauf oder den ebenso weiten zur Bank hinunter zu Fuß zu gehen, vermochten ihn nicht zur Annahme des Geldes zu bewegen. Als ich schließlich traurig aussteigen wollte, meinte er dann allerdings in einer Mischung von arabischer Gastlichkeit und französischer Liebenswürdigkeit: "Aber ich werde Sie einladen." Und in der Tat gab er mir ein Billett, das er aus seiner eigenen Tasche bezahlte.

Mich überraschte dieser Vorgang, da ich gelernt hatte, daß Algerien, in drei Departements aufgeteilt, ein Teil Frankreichs sei, daß also kein Unterschied zwischen den nordafrikanischen Departements Oran, Alger, Constantine und irgendeinem französischen Departement besteht. Es fiel mir nun aber nachträglich auf, daß tags zuvor bei der Ankunft das Gepäck der von Frankreich kommenden Reisenden zollamtlich geprüft wurde, und nach einigem Fragen erfuhr ich, daß auf alle aus Frankreich eingeführten Fertigwaren ein Zoll von zehn Prozent erhoben werde. Dann wird es wohl auch mit dem französischen Bürgerrecht, das alle Algerier haben, gleichgültig, ob Europäer, Araber oder Berber, nichts sein, dachte ich mir. Doch so einfach ist das nicht: Es ist nie etwas so oder nicht so, sondern meist beides zugleich.

In diesem Fall beispielsweise kann tatsächlich jeder Algerier jederzeit nach Frankreich auf Arbeit gehen; wird er arbeitslos, so bekommt er wie jeder andere Franzose Arbeitslosenunterstützung. Hier in den nordafrikanischen Departements ist das übrigens nur sehr bedingt der Fall –: für die gesamte Landwirtschaft, in der von 3,4 Millionen beschäftigten Mohammedanern 2,8 Millionen arbeiten, gibt es keine Arbeitslosenunterstützung, im allgemeinen auch keine Sozialversicherung. Hingegen werden die Kinderzulagen auch in den nordafrikanischen Departements gezahlt, was einen Colon (der wie alle Farmer jede Veränderung mißbilligt) zu der Bemerkung veranlaßte: "Man wird eines Tages in dies übervölkerte Land Spanier und Italiener als Arbeitskräfte holen müssen, weil die Einheimischen alle damit beschäftigt sind, Kinder zu zeugen." In der Tat gibt es bei den geringen Lebensansprüchen und der allgemeinen Abneigung gegen Arbeit sicherlich Leute, die von den Kinderzuschüssen leben.

Täglich 410 Kinder