Der Dichter, dessen Name außerhalb der skandinavischen Länder nicht mehr vielen geläufig ist, war in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Mittelpunkt eines zwanglosen Kreises in Kopenhagen, zu dem fast alle jungen Talente Skandinaviens Beziehungen unterhielten. Auch Knut Hamsun, durch den Roman „Hunger“ gerade berühmt geworden, gehörte diesem Zirkel vorübergehend an.

Es gibt eine farbenfreudige Landkarte Dänemarks, in der jeder bedeutende Ort des Königreichs seinen besonderen Anspruch auf Ruhm bildhaft geltend macht. Nur zwei Dichter wurden als Fahnenträger ihrer Heimatorte gewertet. Beide stammen von der Insel Fünen, wo Odense als Geburtsort Andersens, des unsterblichen Märchenerzählers, erscheint, und Ingeborg an der Küste stolz „Johannes Jörgensen – 1865“ proklamiert. Dort lebte der Vater des Nestors der dänischen Literatur, wenn er nicht gerade um die Welt segelte. Er war Schiffskapitän und ein Kauz, von dem sein Sohn zu erzählen wußte: „Eines schönen Tages sagte ihm der Apotheker am Ort, er habe große Schwierigkeiten, bestimmte Medizinen aus Peru zu bekommen. Ob er sie ihm wohl beschaffen könne? Jeder andere hätte ein solches Ansinnen abgelehnt – nicht mein Vater. Er segelte einfach nach Peru.“

Johannes Jörgensen studierte an der Kopenhagener Universität. Die ersten Romane unter seinen fast siebzig Büchern behandeln nur leicht verhüllt seine Erlebnisse in der Hauptstadt, wo er als Junge vom Lande sich zuerst als Fremdling fühlte. Bald jedoch gründete er die Wochenschrift „Taarnet“ (Der Turm), durch die Dänemark mit neuen europäischen Strömungen in Literatur und Kunst vertraut wurde. Es war der Beginn einer großen literarischen Laufbahn. So international war Jörgensens Wirken, daß seine Landsleute ihn „Dänemarks Botschafter in der Weltliteratur und Botschafter der Weltliteratur in Dänemark“ nannten.

Der Mann, der ein persönlicher Freund von Verlaine, Bloy und Mallarmé war, der viele wertvolle ausländische Autoren, von Goncourt über Papini bis zu Benson, ins Dänische übersetzte, ist mit seinem wöchentlichen Artikel in der Kopenhagener „Berlinske Tidende“ auch heute noch der dänische Beobachtungsposten im Ausland.

Schon mit jungen Jahren begann Johannes Jörgensen zu reisen. Eine Stiftung des Kultusministeriums ermöglichte ihm seine ersten Entdeckungsreisen. Er fuhr nach Deutschland, Italien, Frankreich. Das Geheimnis seines Erfolges liegt in der Gabe, Menschen und Gegenden aufzufinden, in denen noch echte Tradition lebendig ist.

Den größten Teil seines Lebens hat der Dichter in Italien verbracht, in Assisi, dem Geburtsort des Franziskus, des populärsten aller Heiligen. Jörgensen schrieb – gleich seinem konvertierten englischen Kollegen Chesterton – eine Biographie über Franziskus, der später eine Lebensbeschreiüber der Katharina von Siena folgte. Unter allen seinen Werken ist es dies Buch über Katharina, das er am meisten schätzt. Sein Hauptwerk aber ist zweifellos „Min Livs Legende (Die Legende meines Lebens), eine der klassischen Autobiographien unserer Zeit. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, sogar ins Japanische. Am charakteristischsten für Jörgensen sind seine „Rejsebogen“ (Reisebücher), darunter das schöne„Pilgrimsbogen“ (Pilgrimsbuch), die fesselnde Geschichte eines Wanderers, der mit dem Rucksack auf dem Rücken über die gesegneten Hügel Umbriens zieht, – ein moderner Mensch auf der Suche nach mittelalterlichem Geist in der Ruhe und dem Frieden der Klöster.

Jörgensen mußte Assisi verlassen, als der letzte Krieg drohte. Er verbrachte die meisten Kriegsjahre in Schweden, wo er sich einer Darstellung des Lebens der Birgitta von Vadstens widmete, einer der anziehendsten Figuren der skandinavischen Geschichte. Auch benutzte er die Exilzeit, um seine besten Gedichte gesammelt herauszugeben. 1945 kehrte er nach Assisi zurück, das – wie auch seine dänische Heimatstadt – ihn zum Ehrenbürger ernannte. In seinem hohen Alter von 87 Jahren kann er sein Haus nur noch zu einem täglichen Spaziergang verlassen; darum fuhr ich nach Assisi, um ihm zu begegnen.