Dem "Atlantisbuch der Musik", das vor 18 Jahren erschien, einem Compendium, das Aufsätze über alles enthielt, was im weitesten Sinne zum Gebiet der Musik gehört, ist jetzt das Atlantisbuch der Kunst, eine Enzyklopädie der bildenden Künste, gefolgt (Atlantis-Verlag). Der Geist der Hitlerzeit, der den Begriff der entarteten Kunst erfand, hat verhindert, daß die Vorbereitungen zu diesem Band, wie ursprünglich vorgesehen, sogleich nach dem Erscheinen des "Atlantisbuches der Musik" aufgenommen wurden. Nach Kriegsende erschwerte die mangelnde Zusammenarbeit unter den Gelehrten der bis dahin feindlichen Nationen die Fortführung der Herausgabe. So ist das Werk erst jetzt erschienen.

Im Gegensatz zur Musik besitzt die bildende Kunst keine allgemein anerkannten Regeln, keine Harmonielehre, kein Gesetz des vierstimmigen Satzes, keine Kunst der Fuge, keine Ordnung also, die, auch wenn Abweichungen eintreten, stets der Maßstab bleibt, nach dem man die Neuerer erkennen und beurteilen kann. Wie sehr dies für die Musik gilt, zeigt auch die geschichtliche Vergangenheit. So weiß man nur wenig von der griechischen Musik, doch genügen schon geringe Reste, um ihr System zu rekonstruieren und zu zeigen, wodurch sie sich grundsätzlich von der abendländischen, wie von der exotischen, unterscheidet. Bei der bildenden Kunst hingegen ist dies ganz anders. Hier fehlt eine gültige Kunsttheorie überhaupt. Zwar gibt es einzelne Proportionslehren der mittelalterlichen Bauhütten, von denen Villard d’Honnecourt berichtet, oder den Traktat der Malerei des Leonardo da Vinci, die modernen Kunstlehren von Kandinsky oder auch chinesische Beschreibungen, wie man das "notan", das Verdämmern im Räume anzuwenden habe. Doch immer handelt es sich nur um Anweisungen, nicht um feste Regeln wie in der Musik.

So ist es eine Eigenart der bildenden Kunst geblieben, daß sie sich nicht systematisieren läßt. Um so eifriger ist die Kunstwissenschaft bemüht gewesen, durch Anleihen bei den Geisteswissenschaften ein Gerüst zu finden, an Hand dessen es gelingen könnte, wenigstens die Entwicklung, das geschichtliche Werden der bildenden Künste in ein gewisses System zu bringen. Folgerichtig beginnt auch das "Atlantisbuch der Kunst" mit einem solchen Versuch. Er stammt von René Huyghe, einem Pariser Kunsthistoriker. Der Verlassen streift in seiner Übersicht die philosophischen und religiösen Systeme des Abendlands und des Orients, und ordnet ihnen Erscheinungen der bildenden Kunst zu, aber so lose, daß jene penetrante Rechthaberei vermieden wird, die viele kunsttheoretische Schriften auszeichnet.

Vorzüglich ausgeführt und vertieft werden die Gedanken dieser Einleitung in dem Abschnitt "Das historische Lebensprinzip in der Kunst" von Andreas Alföldi, Basel. Hier ist die formale Entwicklung der römischen Porträtplastik mit der Folge der geschichtlichen Ereignisse und des geistesgeschichtlichen Wandels in Beziehung gebracht und, bei aller Kürze, in einer Weise dargestellt, die man getrost als vorbildlich bezeichnen kann. Es war ein vorzüglicher Einfall des Herausgebers Martin Hürlimann, eine solche Abhandlung, die eigentlich über den Rahmen des Buches hinausgeht, abzudrucken, um das Niveau zu kennzeichnen, das die Kunstgeschichte in ihren guten Vertretern heute erreicht hat.

Wie im "Atlantisbuch der Musik", so befassen sich auch im "Atlantisbuch der Kunst" eine ganze Reihe Abschnitte mit der Technik, in diesem Fall mit der Technik der Malerei, der Glasmalerei, der giaphischen Künste, der Skulptur und des Kunstgewerbes. Es ist ein Vergnügen, diese Arbeiten zu lesen dank des Reichtums, der hier ausgebreiteten Kenntnisse. Die Verfasser sind auf ihrem Gebiet als Sachverständige bekannt. So hat – um nur ein Beispiel zu erwähnen – Friedrich Winkler, der ehemalige Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, den Abschnitt über die Graphik verfaßt, wobei er nicht nur die vielen Techniken (der vervielfältigenden Kunst und der Zeichnung) im einzelnen expliziert, sondern auch nach der Entstehungszeit einordnet und darstellt.

Überall dort, wo es sich um eine exakte Wiedergabe der Geschichte und der Technik handelt, enthält das Werk eine Fülle von wissenschaftlichem Material. Dadurch wird es auch für jene Liebhaber der Kunst, denen die theoretischen und entwicklungsgeschichtlichen Fragen fernliegen, bald ebenso unentbehrlich sein, wie es immer noch für Musiker und Musikfreunde das "Atlantisbuch der Musik" ist. M. R.