Von Walter Kleffel

Was die Eroberung des Luftreiches durch das Flugzeug für die Generation unserer Eltern bedeutete, das mag für uns die Erschließung des interplanetarischen Raumes durch den Raketenflug und die "Station im Weltraum" bedeuten. Der erste Schritt dazu wurde vor nicht allzulanger Zeit durch den jungen amerikanischen Versuchsflieger William Bridgeman getan: er stieg mit seinem Raketenflugzeug "Shyrocket" in die unglaubliche Höhe von 24 Kilometern empor und stieß mit fast doppelter Schallgeschwindigkeit (etwa 2000 Kilometer in der Stunde) bis an die Grenze des Weltraumes vor. Für fast 50 Sekunden befanden sich Flugzeug und Pilot wahrscheinlich im Zustand der Schwerelosigkeit, was zu gut deutsch heißt, daß sie kein Gewicht mehr hatten.

Jetzt ist man an der Konstruktion eines neuen Flugzeugs, mit dem man 60 Kilometer hochsteigen und eine Geschwindigkeit von 2700 km/st. schaffen will. Dies wäre die Vorstufe zum wahrhaft brauchbaren bemannten Raketenflugzeug, mit dem man über die Atmosphäre (bis 200 km über der Erdoberfläche) hinaus in die Exosphäre (ein Wort, das noch nicht einmal Keysers neuestes Fremdwörterlexikon kennt, das doch sonst alles weiß) vordringen will, die von 200 km an bis in die Unendlichkeit reicht. Exosphäre – so heißt das luftlose Vakuum, in dem man 1730 km von unserer Erde entfernt, eine Insel bauen will, von der aus man dann erst zu den eigentlichen Pionierflügen starten wird: zum Mond, den man in fünf Tagen erreichen will. Ja, man spricht sogar von der Reise zur Venus und zum Mars. Diesen Triumph – wir werden ihn kaum erleben.

Doch die Station im Weltraum und die Reise zum Mond liegen, so heißt es, im Bereich einer nahen Möglichkeit. Jedenfalls verspricht das Wernher von Braun, der Mitschöpfer unserer V 2, der heute als der international führende Raketenforscher in leitender Stellung bei den Amerikanern arbeitet, die allein auch das Geld zu diesen phantastischen Projekten haben. Er schreibt in seinem bei S. Fischer, Frankfurt, erschienenen Buch "Station im Weltall": "In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren wird die Erde einen neuen Begleiter am Himmel bekommen, einen von Menschen errichteten Satelliten, den ersten Stützpunkt der Menschheit im Weltraum. Er wird von Menschen bewohnt und vom Boden aus als ein ruhig wandernder Stern erkennbar sein und doch mit unglaublicher Geschwindigkeit (25 400 km/st.) um die Erde kreisen."

Man wird diesen künstlichen Mond Stück für Stück in 1730 Kilometer Höhe zusammenbauen, aus einem Material, das durch besondere Raketenschiffe von der Erde aus nach oben befördert wird. Die Entwicklung dieser Raumstation ist, nach Wernher von Braun, so unabwendbar wie der Sonnenaufgang, den wir täglich erleben. "Der Mensch hat nun einmal seine Nase in diesen Raum schon hinausgesteckt und er wird sie niemals mehr zurückziehen", sagt Braun. Die Baukosten werden "nur" 4 000 000 000 Dollar betragen, eine Summe, die im Vergleich zu den Milliardenkosten des zweiten Weltkrieges und der Wiederaufrüstung seit dem Beginn des Koreakrieges vielleicht erschwingbar erscheint.

Gewiß ist, daß mit dieser Weltraumstation eine neue Epoche der Menschheit beginnen wird. Gemeinsam mit fünf Mitarbeitern legt Braun in seinem Buch die Vorteile dar: Die Meteorologen zum Beispiel werden alle 24 Stunden eine neue komplette Welt Wetterkarte zusammenstellen können. Die Astronomen werden nicht mehr wie bisher "mit verbundenen Augen in einer tiefen, dunklen Kohlenmiene" zu arbeiten haben, sondern alle Planeten mit Spezialteleskopen völlig klar erblicken. Vor allem aber wird die "Station im Weltraum" als Wachtposten am Himmel jede Aggression, die ein Volk vorbereitet, melden können. Denn mit optischen Spezialinstrumenten wird die Besatzung der Station jeden Punkt der Erde so gut beobachten, als befände sie sich nur in 1500 Meter Höhe. Truppenzusammenziehungen, Starts großer Bomberverbände würden entdeckt. Da der "Wachtposten am Himmel" alle zwei Stunden um die Erde läuft – wie sollte da eine Nation noch einen Krieg planen können? Jede Veränderung auf der Erde würde kontrolliert; die Zeit der Eisernen Vorhänge wäre vorbei. Prophetisch erklärt Braun: "Unter dem Zwang solcher Überlegungen wird daher die ‚Station im Weltall‘ Wirklichkeit werden, nicht erst nach einer Generation, sondern – sagen wir – im Jahre 1963!"

Wenn man von diesen Plänen liest, wird einem zunächst ängstlich zumute. Mit der Zeit aber erscheint einem alles so verständlich und wunderbar klar, daß man an das Gelingen des Projektes selber zu glauben beginnt. Selbst, daß sich 1730 Kilometer von der Erde entfernt Menschen völlig frei bewegen, verwundert nicht mehr. Sie werden sicherer sein als Fußgänger, die eine Hauptstraße bei Geschäftsschluß überqueren. Gekleidet sind sie in grotesk aussehende Raumanzüge, die ihnen im Vakuum des Raumes die normalen Bedingungen ihrer natürlichen Umgebung in Meereshöhe sichern. Sie haben einen Sauerstoffapparat, eine kleine tragbare Radioausrüstung und last not least sogar eine Rakete auf dem Rücken.