VII. Die Fabrik soll arbeiten, doch nicht der Fabrikant Erlebnisse einer Frau in der Sowjetzone

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Wir beenden hier unseren Bericht aus der Ostzone, von dem wir hoffen, daß er die Frage klären half, warum so viele Menschen als Flüchtlinge nach Westdeutschland kommen. Natürlich war in den ersten Nachkriegsjahren der Terror am größten, ein Terror der Willkür; später dann, als die SED etabliert war, besorgten Deutsche mehr und mehr das Geschäft der Sowjets, und der Terror gewann System. Was das Schicksal des Industriedorfes angeht, das hier geschildert wird – Die Fabrik, zunächst zur Demontage bestimmt und schon wichtiger Maschinen beraubt, lief wieder an, und die Russen beschränkten sich darauf, die Produktion zu beschlagnahmen. Der Aufbau hatte sich nicht ohne die Leitung des Fabrikanten vollziehen können; sobald das Werk, das die meisten Dorfbewohner ernährte, jedoch wieder in Betrieb war, entledigte man sich des – Fabrikanten, der eine Zeitlang sogar als der von den Sowjets eingesetzte Bürgermeister amtierte, durch einen einfachen Tricks man brauchte ihn nicht mehr, und so verhaftete man ihn. Vor dem Kerker also fliehen viele Menschen, die, arm, verbraucht, entnervt, nach Jahren des Umgangs mit Sowjet- und SED-Behörden, in Westdeutschland Hilfe suchen. Auch die in unserem Bericht geschilderten Personen blieben solange in der Sowjetzone, bis ihnen das Gefängnis sicher war; dann erst flohen sie. – Unser Bericht setzte sich aus Auszügen aus einer umfassenden Darstellung zusammen, die demnächst unter dem Titel "Stoi 14 als Buch erscheinen wird. Copyright DIE ZEIT, Hamburg

Thomas’ letzte Amtstage, ehe er den Bürgermeisterposten an den Denunzianten Metzer abgeben soll, beginnen mit einem Truppenwechsel. – "Der Kommandant", sagt Thomas, "ist ein schwieriger Kerl. Er wandte mir, während er sprach, nur den Rücken zu, sah aus dem Fenster und klopfte mit einer Reitpeitsche gegen die Scheiben. Ich solle ihm sofort Schnaps beschaffen, ich weiß gar nicht mehr, wie viele Liter. Als ich erklärte, daß mir das nicht möglich sei, schrie er wie verrückt: abends hätte der Schnaps da zu sein und außerdem vier Zentner Schweinefleisch und 96 Betten für die Männer seines Stabes. Ich sagte, auch das sei nicht möglich. Da schrie er zurück, wenn ich nicht bis um zwölf Uhr nachts alles zur Stelle schaffte, ließe er mich verhaften. Ich möchte wissen, was für ein Stab das ist!"

Verhaften? Alles steht unausweichlich vor uns: Sollen wir fliehen? Undenkbar! Hier in Neufelde ist Thomas’ Platz, dem er hundertfach verpflichtet ist. Von einer Verhaftung kann man heimkehren, von einer Flucht niemals!

Während Thomas das Problem der angeforderten Betten zu lösen versucht, erhalten wir Besuch. Es ist ein fetter junger Sergeant in einem Radcape, der fließend deutsch spricht ohne jeden Akzent –: der Dolmetscher der neuen Gewaltigen, der offenbar nicht zum regulären Truppenteil gehört.