Von Harald Laeuen

Am 7. April 1453 begann Sultan Muhammed II. die Belagerung von Konstantinopel

Aus dem Morgennebel stieg die Stadt vor uns auf, der wir uns vom asiatischen Ufer näherten: ein silbrig schimmerndes Häusermeer, mit goldenen Kuppeln und schlanken Minaretts verziert, dazu das tiefe Blau des Wassers, und auf der Galata-Brücke das schwarze Gewimmel der Menschen – farbenreich, vielfältig und sich zwanglos ineinanderfügend.

Die Schiffsbrücke, die über das Goldene Horn führt, hätte schon Michelangelo bauen sollen, als er mit der Absicht umging, Italien zu verlassen und in den Dienst des Sultans zu treten. Wer weiß, welche Bedeutung ein solcher Entschluß für die Erweiterung des kulturellen Gesichtskreises des Abendlandes hätte gewinnen können. Erst vor einigen Jahrzehnten ist die Brücke ebenso schmucklos-zweckmäßig wie solide von einer deutschen Firma errichtet worden. Moderne Technik wird wohl aus dem Abendlande bezogen, doch an inneren Werten hat es nichts hinzugebracht, was den morgenländischen Boden befruchtet hätte.

Die Geschichte der Stadt ist die Geschichte der Weitergabe des antiken Erbes. Wie an den kaiserlichen Mauern ist auch an den Menschen zu erkennen, daß sich im Laufe der Zeiten eine Schicht über die andere geschoben hat, aber keine verschwunden ist. Neben Autos und Straßenbahnen sind immer noch Pferde und Esel zu sehen, die mit Quellwasser, Brot oder Milch beladen sind, ertönen die Ausrufe der Straßenhändler, verrichten Handwerker auf uralte Weise ihre Arbeit, begegnen sich überelegante und in Lumpen gehüllte Gestalten.

Noch im Mittelalter galt Konstantinopel als einzige wirkliche Weltstadt, die angeblich zwei Drittel des Weltreichtums besaß und die für damalige europäische Vorstellungen so etwas wie eine Vereinigung der späteren Weltstadtbegriffe Paris und London war, ein Ort des Genusses und des Gewinns, der Überfeinerung und der Kunst der Völkerbeherrschung. Ein Asiate würde damals die Frage: "Wo ist Europa?" sicherlich mit dem Hinweis auf die Bosporus-Metropole beantwortet haben.

Der Atmeydan, der "Roßplatz", wie ihn die Türken herabsetzend tauften, gehört zu den seltenen Plätzen der Erde, die Mittelpunkt eines tausendjährigen Reiches gewesen sind. Hier war zur byzantinischen Zeit das Hippodrom, wo die großen Volksfeste stattfanden und die Leidenschaft der Zirkusparteien sich austobte. Das Geschrei der "Grünen" und "Roten" klang manchmal drohend zum kaiserlichen Palast hinüber, wo jetzt die Sultan Achmed-Moschee sich erhebt. Unweit davon haben die Sultane im Alten Serail ihren Herrschersitz errichtet. Heute umgeben den Atmeydan gleichgültige oder verkommene Bauten. Geblieben ist die Haghia Sophia, durch Zutaten äußerlich entstellt, aber im Innern reiner Ausdruck von dem imperialen Raumgefühl der Byzantiner und seiner Gottbezogenheit.