her ganz unbekannt geblieben: Maghrebinien. Dabei hat er vor sämtlichen anderen voraus, daß er nicht nur einen Teil, sondern das Essentielle des alten Österreich-Ungarn bewahrt hat: jene so unübertrefflich wohltätige Lebensstimmung, die mit dem Motto "hoffnungslos, aber net ernst" bezeichnet ist. Wo liegt Maghrebinien? Nirgendwo auf der Landkarte. Aber was, nach Voltaire, von Gott gilt – "wenn er nicht existierte, müßte man ihn erfinden" – gilt, abgewandelt, auch von Maghrebinien: weil es nicht (mehr oder noch nicht wieder) existiert, mußte es erfunden werden. Gregor von Rezzori, ein Bürger dieses ganz und gar kosmopolitischen, west-östlichen, römisch-griechisch-islamisch-mosaischen Landes, dessen wahre Hauptstadt nicht Wien; Budapest oder Prag, sondern Mostar war, hat es erfunden – im wörtlichen Sinne: er hat das Verborgene wiedergefunden und zur Wirklichkeit erweckt. In seinen "Maghrebinischen Geschichten" (die bei Rowohlt in Hamburg erschienen sind) schreitet er es topographisch, völkerpsychologisch und politisch so ab, wie es sich für einen Maghrebinier geziemt: an Hand der Volksmythen, die hier allesamt den Charakter von Schwänken und Anekdoten haben. Manches hatte Roda Roda bereits aufgezeichnet, und anderes kennt der Kenner aus Sammlungen jüdischen Humors. Aber was macht’s? Auch Homer war nicht originell, und Rezzori (Hörer des NWDR werden es bestätigen) ist einer unserer letzten großen Stegreiferzähler. Er ist eben ein Maghrebinier. C. E. L.

Und nun eine maghrebinische Geschichte:

Ein Jude, ein Zigeuner und ein Maghrebinier kamen einmal in eine Kirche. Vor der Ikonostasis (das ist: die Bilderwand, die das Allerheiligste vom Laienraum trennt) stand ein wundervolles Kreuz von lauterem Golde, über und über mit taubeneigroßen Edelsteinen besetzt. Als die drei die Kirche wiederum verlassen hatten und eine Weile schweigsam nebeneinander hergegangen waren, sagte der Jude: "Gojim nachetz! (Das will heißen: O hinfällige Sorgen der Christen!) Etwas ein weniger teures Kreuz möcht es nebbich auch tun für die prosten Bauern. Gott soll schützen! Wenn man nicht war ein gottesfürchtiger Mensch, man hätt es können stehlen." Darauf lächelte der Zigeuner und sagte leise: "Hat ihm schon." Der Maghrebinier aber ging stumm beiseite und dachte bei sich: "Du – hast ihm gehabt."