Ein Vater hat gegen die Hamburger Schulbehörde geklagt. Seinem zwölfjährigen Jungen, den er vorige Ostern für die Wissenschaftliche Oberschule angemeldet hatte, war trotz überdurchschnittlich guter Leistungen bei der Aufnahmeprüfung nur die Zulassung zum Besuch der "Technischen Oberschule" (Mittelschule) zugesprochen worden. Der Vater klagte beim Landesverwaltungsgericht wegen Verstoßes gegen zwei Artikel des Grundgesetzes: gegen Artikel 2, der jedem "das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit", und gegen Artikel 6, der den Eltern das "natürliche Recht auf Pflege und Erziehung der Kinder" garantiert. – Das Landesverwaltungsgericht hat dem Vater recht gegeben und in seinem Urteil vom 11. Dezember 1952 die Schulbehörde verpflichtet, den Sohn des Klägers zum Besuch der Wissenschaftlichen Oberschule zuzulassen.

Vollstreckbar ist das Urteil noch nicht, denn die Schulbehörde hat Berufung eingelegt. Der Sohn des Klägers muß also auch jetzt, zum neuen Schuljahr, wieder in die Technische Oberschule gehen, bis das Oberverwaltungsgericht rechtskräftig über sein Schicksal entschieden hat. Er verliert vielleicht eine wichtige Zeit seines Lebens, aber er wird sich sicher später damit trösten können, daß sein Fall (wieeinst in England der "Fall Winslow") von grundsätzlicher Bedeutung und Wirkung gewesen ist. Denn das Grundsätzliche tritt schon jetzt klar hervor. Es betrifft die "Schulreform" in ihrer Basis.

Während nämlich die meisten Bundesländer bei der alljährlichen Auslese für die Oberschule nach vier Jahren Grundschule so verfahren, wie man es seit dem Reichsschulgesetz vor 1920 tat – so also, daß bei den Prüfungen nur diejenigen Prüflinge ausscheiden, die nach Oberzeugung der Prüfungskommission wegen mangelnder Begabung und Eignung die Entwicklung ihrer Mitschüler auf der Oberschule hemmen würden –, ist Hamburg, von jeher der Initiator der Schulreform, in seinem "Gesetz über das Schulwesen der Hansestadt" von 1949 einen entscheidenden Schritt weiter gegangen – weiter wohin? In Richtung auf eine gerechtere Sozialordnung? So sagen die Verteidiger der Schulreform. In Richtung auf das Übergewicht des Staates über die individuelle Persönlichkeit? So sagen die Gegner.

Wesentlich ist in der Tat die völlig veränderte Funktion der Ausleseprüfung am Ende der (in Hamburg: sechs) Grundschuljahre. Sie ist nicht auf Ausschaltung der vermutlich Ungeeigneten gerichtet, sondern auf Einstufung aller. Sie ist, um in der Sprache ihrer Verfechter zu reden, nicht "negativ" (wie in den meisten anderen Bundesländern), sondern "positiv". An den Zwölfjährigen soll, so sieht es das Gesetz vor, eine Diagnose hinsichtlich ihrer gesamten Fähigkeiten und Neigungen vorgenommen werden, und je nach Ausfall dieser Diagnose wird der Prüfling einer der Schulgattungen zugewiesen, deren jede – nach Ansicht des Gesetzgebers – so gleichberechtigt neben der anderen steht, wie die drei Ringe in der Fabel Nathans des Weisen.

Es wäre schön und gut, wenn die öffentliche Meinung in diesem Punkt mit den Idealen der Schulreform übereinstimmte. Das tut sie aber keineswegs. Die Friseure in Hamburg zum Beispiel nehmen ungern Lehrlinge, die aus der obersten Klasse der Volksschule kommen. Sie ziehen Oberschüler der zehnten Klasse vor. Und ähnlich alle anderen Berufe. Die Volksschule ist trotz (oder wegen?) Schulreform in ihrem Ansehen als Ausbildungsstätte gesunken. Die Oberschule ist dementsprechend in ihrer Geltung gestiegen.

Bei der Ausleseprüfung dieses Frühjahrs gab es so viele Elternproteste, daß eine umfängliche Nachprüfungsaktion angesetzt werden mußte. In einem der Schulbezirke kamen 200 Kinder, die bei der ersten Prüfung versagt hatten, zur Nachprüfung. Die Kommission dieses Bezirks erhielt von der Behörde die Weisung, sie könne etwa 100 Kinder nachträglich zulassen. Solche rein schematischen Teilungen (wie bei der Stärke einer Kompanie) ergeben sich zwangsläufig, wenn sich ein Staat zu viel in der Bestimmung des Schicksals seiner jüngeren Generation zutraut.

Und das Verwaltungsgericht muß ihn dann zur Realität zurückrufen. C. E. L.