Die sozialpolitische Initiative im Lager der Unternehmen Wirtschaft hält weiter an. Dabei handelt es sich nicht um theoretische Programme oder um kritisierende Reformvorschläge, sondern um reelle und praktische Aktionen. Die deutsche Öffentlichkeit begrüßt diese Lebendigkeit der Arbeitgeberseite um so mehr, je länger der Winterschlaf der Gewerkschaftsführung anhält und von dort keinerlei neue und wirklichkeitsnahe Leistungen auf dem Gebiete der Lösung der sozialen Fragen aufgewiesen werden.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hatte erst am 24. März ihre sechs Thesen zur sozialorientierten Lohnpolitik herausgebracht, jene beachtliche Warnung an alle Unternehmer und Manager (aber auch an die amtliche Wirtschaftspolitik und die Gewerkschaften!), endlich das Lohn-Preisniveau nicht allein zugunsten der in der Produktion schaffenden Menschen zu gestalten, sondern es in die Grenzen der gesamtwirtschaftlichen Lage einzuordnen, d. h. Lohnerhöhungen nur noch im Zusammenhang mit der Steigerung persönlicher Einzelleistungen vorzunehmen.

Daran anschließend erfolgte am 31. Man der Aufruf an die Unternehmerwirtschaft, auch eine sozialorientierte Preispolitik in die Wege zu leiten. Industrie und Gewerbe wurden zum gegenseitigen sozialen Wettbewerb aufgerufen und darauf hingewiesen, daß im Frühjahr 1953 die Schnelle überschritten werden wird, hinter der die Phas: des stürmischen Wiederaufbaues der Fabrikationsstätten auf dem Wege der Selbstfinanzierung, also aus überhöhten Preisen, von einem ruhigeren Tempo und einer längerfristig verplanten Investitionspolitik abgelöst werden soll. Dies bedeutet praktisch ein Freistellen starker Selbstfinanzierungsquoten zugunsten einer Preissenkung.

Am 4. April erfolgte nun ein dritter Vorstoß der Spitzenorganisation der Arbeitgeberverbände, diesmal ausschließlich zugunsten der Flüchtlinge. Dr. Walter Reymond, der Vorsitzende der Bundesvereinigung, wandte sich über den Rundfunk an die gesamte Arbeitgeberschaft und teilte mit, daß der schon vor einiger Zeit von Dr. Heinrich Kost (DKBL und Rheinpreußen) entwickelte Flüchtlingsplan nunmehr von allen Spitzenverbänden der Unternehmerschaft gebilligt wurde und in Angriff genommen werden sollte.

Dieser Plan sieht vor, so schnell wie möglich die Lager der Altflüchtlinge in Schleswig-Holstein. Niedersachsen und im Bayrischen Wald zu leeren. Die Zahl der dort seit sieben und acht Jahren lebenden arbeitsfähigen und arbeitsfreudigen Menschen belaufe sich auf etwa 30 000. Mn ihren Familienangehörigen werden sie 100 000 bis 120 000 Menschen sein, denen durch einen sinnvollen Plan Arbeit und Wohnung verschafft werden könnte.

Die Bundesrepublik zählt mehr als 15 Millionen Beschäftigte. Auf je 500 Beschäftigte wäre ein Flüchtling neu einzustellen. In Großbetrieben wird dies keinerlei Schwierigkeiten machen. Aber im Handwerk, im Einzelhandel und in der Landwirtschaft müßten in Zusammenarbeit mit den Kammern Gemeinschaftsaktionen durchgeführt werden.

Da wäre zunächst die Wohnraumfrage zu lösen. Der Arbeitgeberplan geht davon aus, daß eine Wohnung für drei bis vier Köpfe 12 000 bis 15 000 DM kostet. Hypothekenbanken hätten mit 3500 DM je Wohnung die erste Hypothek zu übernehmen. Über Landesbaudarlehen müßten sodann 6000 bis 7000 DM kommen, und die Arbeitgeber sollen den Rest von je 4000 bis 5000 DM als praktische Vorauszahlung auf den Lastenausgleich beisteuern. Eine Firma, die also 18 Flüchtlinge mit ihren Familien übernähme, zahlt demnach vorzeitig 90 000 DM auf den Lastenausgleich. Ein kleiner Handwerksbetrieb, der nur fünf Beschäftigte hat, soll den hundertsten Teil (auf der Basis von 500 Beschäftigten = 1 Flüchtling gerechnet, also 40 bis 50 DM) als Vorauszahlung auf seine Lastenausgleichsabgabe leisten. Diese Beträge verbleiben im Raum des bezirklichen Zusammenschlusses von Handel, Handwerk und Bauernschaft und werden dort für die Wohnungsbeschaffung verwendet.

Niemand dürfte bei einigem guten Willen etwas Schwerwiegendes gegen diesen Plan einzuwenden haben. 120 000 Menschen wieder seßhaft machen und in Arbeit bringen, ist auch im Rahmen der Millionenzahlen ein beachtlicher Teil. Je eher und je schneller die brodelnde Strukturwandlung breiter Schichten des Mittelstandes in Richtung auf ein neues bürgerliches Proletariat abgefangen und zurückgelenkt wird, um so besser. Es ist Sache der Privatwirtschaft, hierbei großzügig mit einzugreifen und die Konsequenzen zu ziehen. Die drei Vorstöße der Spitzen Vereinigung: leistungsgebundene Lohnpolitik, sozialorientierte Preise und arbeitsplatzschaffender Lastenausgleich sind der praktische wirtschaftspolitische Ausdruck für eine geistige Haltung, die kürzlich bereits überzeugend in der Arbeit "Gedanken zur sozialen Ordnung" niedergelegt wurden. W. O. Reichelt