Wir sahen:

Die Ostertage 1953 werden bei denen, die für jetzige Programmgestaltung des Fernsehfunks verantwortlich sind, nicht in allzu angenehmer Erinnerung bleiben. Eine Katastrophe trat am Ostersonntag ein, als das verärgerte Publikum des Hamburger Operettenhauses die Direktion zur Ausweisung der Fernsehkameraleute aus der Vorstellung der "Lustigen Witwe" zwang, die deshalb den Fernsehteilnehmern vorenthalten blieb. Für das eigentlich österliche Programm hatte man sich zwei Direktsendungen ausgedacht: Am Karfreitag spielte die Morgenstern-Bühne Dr. Natolitzkys, die Grömitzer Truppe, die sich als einzige Berufsgruppe der Wiedererweckung antiker und mittelalterlicher Spiele widmet, die niederdeutsche "Bordesholmer Marienklage" von 1475 – leider nicht in einer Kirche, sondern im Studio, wodurch die Stimmung doch stark abgekühlt wurde. Am Tage darauf sah man von Harro Siegels Marionetten das Puppenspiel von "Doktor Faust" mit Hanswurst und vielen Teufeln, im Grotesken bewundernswert, im Menschlichen der Konkurrenz mit lebendigen Darstellern nicht gewachsen.

Wir hörten:

Als einziges deutsches Osterhörspiel vom RIAS "Das Spiel vom Kreuz" von Marie-Luise Kaschnitz. Die Erzählerin der "Griechischen Mythen" hat einen schönen Mythos vom Zweig des Lebensbaumes aus dem Garten Eden erdacht, der zum Stamm des Kreuzes auf Golgatha wird. Eindringliche Szenen vom Tode Adams über den Bau von Salomons Tempel bis zur Wiederauffindung des Kreuzes durch Kaiser Konstantins Mutter Helena führen das Gleichnis bewegt und farbig aus.

Aus München (und im UKW Nord) ein ganz auf Dialog und Verse gestelltes, von Musik untermaltes Zwei-Personen-Spiel, Walter Oberers Funknovelle "Zwischen Ginster und Thymian" – das aus einer Meldung heraus gesponnene dichterische Bild der kurzen, verhaltenen und doch todbringenden Liebe eines adligen französischen Feriengastes in einem spanischen Fischerdorf mit der hellsichtig den Tod ahnenden Wirtstochter Juanita. In der Hamburger Produktion hörten wir unter Gert Westphals Regie so delikate Sprecher wie Will Quadflieg und Ingrid Andree.

Für den zögernden Laien beginnt die "moderne Musik" dort, wo er die ihm so vertrauten romantischen Harmonien nicht mehr wiederfindet. Für ihn sind Strawinsky, Bartók und Hindemith ebenso fatal "modern" wie die Zwölftonmusiker oder gar die "jüngsten Europäer", von denen der Funk ihnen neuerdings gelegentlich Proben zu hören gibt. Zu hören? Der Südwestfunk sandte in seinem Nachtstudio das "Kreuzspiel" des fünfundzwanzigjährigen Kölners Karlheinz Stockhausen, das auf Melodie, Harmonie, Takt und Klangfarbe fast ganz verzichtete und mit vereinzelten Tönen in höchsten oder tiefsten Lagen und mit auf Schlagzeugen erzeugten Geräuschen ein freies rhythmisches Spiel treibt. Hier hat das Ohr des Hörers die Aufgabe, sich die Erinnerung an europäische Musik, an Tonsprache überhaupt abzugewöhnen. Die Notwendigkeit für solche Experimente wäre höchstens dann gegeben, wenn die Mittel der musikalischen Tradition (einschließlich des Zwölftonsystems) bereits erschöpft wären. Wie wenig das aber der Fall ist, zeigten andere Ur- und Erstaufführungen dieser Woche von Werken, deren Komponisten zwar der romantischen Konvention abgesagt haben, aber bei aller Freiheit in der Formenwahl sich doch nicht darauf versteifen, um jeden Preis revolutionär zu sein: Die Sinfonia-Partita für Streichorchester des 55jährigen in Paris lebenden Rumänen Marcel Mihalovici (Uraufführung im Sinfoniekonzert des Südwestfunk-Orchesters), von deren vier temperamentvoll und geistreich durchgeführten Sätzen das "Perpetuum Mobile", von Hans Rosbaud virtuos zu Gehör gebracht, da capo verlangt wurde – und die Klaviersonate 1948 von George Antheil, der schon mit 20 Jahren der musikalischen Avantgarde um 1920 angehörte, aber in seiner fast, tänzerischen Frische und seiner handwerklichen Durchsichtigkeit auch heute so modern schreibt wie damals.

Wir werden sehen: