Von Peter Dreessen

Mit ungewöhnlicher Courage und klarem Kopf ist Luise Rinser von je Problemen, die es ihr wert schienen, angegangen. Diese Charakterlegierung aus Mut und Intelligenz verbindet sich bei ihr mit der Fähigkeit, ihre Stoffe gründlich zu durchdringen und in einem schlichtgeschriebenen sauberen Deutsch zu bewältigen. Ein weißer Rabe also auf den Gefilden der deutschen Literatur jüngerer Herkunft.

Der neue Roman der Einundvierzigjährigen heißt Daniela (im S. Fischer Verlag). Ein junges Mädchen aus wohlhabendem Bürgerhaus geht darin aus freien Stücken als Dorflehrerin in eine elende Moorsiedlung. Eine gute Stellung an einem Gymnasium und einen Verlobten mit besten Aussichten läßt sie hinter sich. Vor sich hat sie eine Kantine, einen gefängniszellenähnlichen Schlafraum, ein paar Baracken und einen Haufen verkommener Torfstecherfamilien, die zwischen Saisonarbeit, Sexus und Suff dahindumpfen. "Ihre" Kinder sind wissend durch die Armut, verdreckt und verdorben. Der Dorfschulmeister wollte einmal dasselbe wie Daniela: Ordnung schaffen, die Kinder zur Lebensfreude erwecken. Er ist gescheitert, sein Trost der Schnaps, seine Haltung Haß und Hohn des verzweifelten Idealisten. Nur einen gibt es, den das Gift der Hoffnungslosigkeit noch nicht gelähmt hat: den jungen katholischen Pfarrer.

Daniela packt zu. Mit Seife und DDT geht sie dem Schmutz zuleibe. Die Kinder werden untersucht, die tuberkulösen in eine Heilstätte geschickt. Sie beschafft Kleider und Schuhe für die verwahrlosten Jungen und Mädchen. Aber mehr erreicht sie nicht. Wie eine Mauer, undurchdringlich, stehen die Moorleute Daniela gegenüber.

Da weiß sie: "ich werde scheitern..., aber das Wort... klingt triumphierend." Die Wende und das Problem des Romans setzen ein. Scheitern wird Daniela als frische Aufräumerin und hilfswillige Freundin der Armen. Siegen wird sie, weil sie zu ihnen hinabsinken wird: "Wer die Partie verliert, ist der Sieger." Der Pfarrer teilt ihre Not. In einer seltsamen Predigt bekennt er sich zur Sünde als Weg zu Gott. Die Menschen sind schwach und sollen in Sünde fallen, damit Gott sich überwinden muß, sie zu lieben. Sie sind so groß wie Gottes Liebe zu ihnen; je sündiger, um so größer also. "Wißt ihr denn, um wieviel ihr inmitten eurer Sünden Gott näher seid als die Gerechten? Ihr liegt zu seinen Füßen, und ich habe keinen heißeren Wunsch, als unter euch zu sein.."

Der abenteuerliche Gedanke ist ausgesprochen und hat in Daniela Wurzeln gefaßt. Eines Nachts sagt sie dem Pfarrer: "Ich kann nichts tun, aber ich hoffe, daß ich bald in irgendeine Sünde falle, die diesen furchtbaren Wall einreißt, der mich vom echten Leben trennt." Immer zwingender wird dem Leser klar, daß der Pfarrer und das Mädchen einander bestimmt sind. Das Beschworene vollzieht sich. Nicht um des Glücks der Liebesbegegnung willen, sondern, damit sie in Sünde fallen und so "den Wall niederreißen", der sie vom Leben trennt, den Wall der Gerechtigkeit und Reinheit. Was das Dorf lauernd erwartet hat von den "anderen", den Reinen, das geschieht. Daniela erwartet ein Kind vom Pfarrer. Aber sie fliehen nicht gemeinsam. Nur einen Herzschlag lang haben sie das für das Glück gehalten. Daniela geht allein. Die beiden sind auf harte Weise erlöst. Sie waren Werkzeuge Gottes füreinander. Sie haben nun "... die nahezu grenzenlose Kraft jener, deren Niederlage Gottes höchste Großmut unwiderstehlich herauszufordern pflegt."

Eine gewagte Sündenlehre, die gewiß kein brauchbares "Ordnungsprinzip" abgibt. Die Theologen werden Zweifel haben, ob Daniela und der Pfarrer sich nicht zu gut über Gottes Pläne unterrichtet glauben. Aber darum geht es nicht. "Ich glaube, wir müssen beginnen, eigensinnig darauf zu bestehen, daß Kunst Kunst ist und ihre eigenen Gesetze hat, und daß beispielsweise Ethik nur eine mögliche Wirkung, nicht aber das Wesen der Kunst ist", hat die Autorin einmal geschrieben. Ein Roman ist kein ethischer Traktat. Dieser gibt das Bild zweier Menschen, die aus ihrer Gewissensnot und nur daraus leben. In dieser Unbedingtheit liegt die Beispielhaftigkeit der beiden Figuren, die den Leser erschüttert. Das Buch ist gegen den Strich geschrieben, gegen die Zeit und ihre Erfolgswertungen. Es ist vergleichbar den Romanen Bernanos’. (Nur auf deutsche Weise hartnäckiger und auf weibliche Art konkreter ohne die Vorliebe des großen Franzosen für abstrakte theologische Gedankenwege). Er ist ein Ruhm für die deutsche Nachkriegsdichtung.

Zugleich mit "Daniela" liefert S. Fischer ein Buch von der nur wenige Jahre nach Luise Rinser geborenen Geno Hartlaub aus: Die Tauben von San Marco. Es ist die Geschichte einer Hochzeitsreise nach Venedig. Sie: sehr jung, Professorentöchterlein, wohlbehütet und unschuldig mit zu viel Illusionen. Er: 20 Jahre älter, weltbefahren, mit zu viel melancholischen Erfahrungen. Ergebnis: sie können zusammen nicht kommen. Sie reden, fühlen, denken aneinander vorbei. Die junge Ehe kann erst vollzogen werden, nachdem eine alte Freundin des Mannes, voller Morbidezza und Lebensklugheit, die beiden zusammengeführt hat. Das Thema ist nicht eben neu. Arnold Zweig hat es in den "Novellen um Claudia" schon einmal ausgeführt. Gewiß ist es "zeitlos". Aber das heißt noch nicht, daß es keine Zeitbezüge brauchte. Wenn der Verlag meint, es ginge um "die Wiedereinsetzung der Ehe weniger vom Moralischen als vom Mythischen her", so ist das gewiß ein dankenswerter Vorwurf. Nur müßte er an Menschen, deren Situation beispielhafter ist für unsere Tage, exemplifiziert werden. Das aber ist weder bei Irene noch bei Ben der Fall. Es haftet ihnen beiden ebenso wie der helfenden Freundin etwas Konventionelles an: man kennt diese Figuren aus der Unterhaltungsliteratur. Das schadete nicht, wenn das Buch nicht den Anspruch erhöbe, mehr zu sein als Zeitvertreib. So ist es aber leider weniger als ein moderner Roman. Es mutet alles so fatal bekannt an, was neu und einmalig erscheinen sollte, und man wird den Gedanken nicht los, daß es in einer modernen Ehe ganz anders aussieht.