Von Paul Hühnerfeld

Mit der Lehre von der "doppelten Wahrheit" halfen sich einige Gelehrte im Mittelalter über das allezeit schwierige Verhältnis von Religion und Philosophie hinweg: danach können die gleichen Aussagen theologisch richtig und philosophisch falsch sein – oder umgekehrt. Aber so tapfere und ehrliche Denker wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin verwarfen schon damals diese Lehre als Scheinlösung. Es gibt nur eine Wahrheit, die man zwar von verschiedenen Seiten sehen kann, die aber diese einzige Wahrheit bleibt und sich von keinem Gesichtspunkt aus in ihr Gegenteil verkehrt. Albertus und Thomas waren deshalb die ersten – und vielleicht auch schon wieder die letzten –, die ein reines Verhältnis zwischen Religion und Philosophie lehrten. Nach ihnen ist immer wieder nach dieser Beziehung gefragt worden, nie wieder hat es eine so glückliche, so philosophische Antwort gegeben.

Denn nach der gewaltigen Bewegung der Renaissance, der Emanzipation des europäischen Menschen von Gott, konnte sich kein Philosoph mehr damit abfinden, seine Lehre als ancilla theologiae zu bezeichnen; reines Denken schien nunmehr die Krone aller menschlichen Möglichkeiten. Die meisten Philosophen bemühten sich nun nicht mehr, die theologischen Dogmen philosophisch zu untermauern –, ihr ganzes Sinnen war vielmehr darauf gerichtet, sich recht deutlich von der Theologie abzuheben und die sogenannten "Gottesbeweise" als rein spekulative Überlegungen aus ihrem System zu verdrängen. Die Situation eines gegenseitigen Mißtrauens zwischen Theologie und Philosophie, die damals entstand, ist bis heute nicht verflogen, obwohl sich doch beide Disziplinen seitdem so sehr geändert haben.

Darum ist es nicht erstaunlich, daß der große jüdische Philosoph und Theologe Martin Buber gerade jetzt ein Buch herausgegeben hat (Gottesfinsternis‚ Manesse Verlag, Zürich), dessen Untertitel "Betrachtungen zur Beziehung zwischen Religion und Philosophie" lautet und das sich nichts Geringeres vornimmt als die alte Frage nach dunklen Jahren des Irrens wieder aufzugreifen, zu durchdenken und sie der bestmöglichen Lösung entgegenzuführen.

Welcher der heute lebenden Theologen und Philosophen dürfte bei diesem schwierigen Unterfangen unser Vertrauen mehr beanspruchen als Martin Buber? Er ist mit dem Herzen beheimatet in beiden Disziplinen, er besitzt die glühende Verehrung des frommen Menschen zu Gott, die vorsichtig wägende Haltung des Denkers der Welt gegenüber. Ihm Vertrauen schenken aber heißt in diesem Falle nicht: seinem Buch blindlings glauben. Blind vertrauen ist die Verkehrung echten Vertrauens. Vertrauen muß hier bedeuten: kritisch lesen. Daraus erwachsen dann kritische Bemerkungen, die, auch wenn sie falsch oder töricht sein sollten, Zeichen einer verehrenden Auseinandersetzung sind.

Gleich das erste Kapitel des Buches "Religion und Realität" ist aufregend: es ist eine auf knappen Raum zusammengedrängte Auseinandersetzung mit Philosophen, die die augenblickliche Beziehung zwischen Religion und Philosophie entscheidend mitbestimmt haben. Spinoza wird hier von Biber angeführt als einer der letzten Denker mit einem wirklich noch – philosophisch wie theologisch – zureichenden Gottesbegriff: Gott ist die unendliche Substanz, die unzählige Attribute umfaßt. Nur zwei davon können wir mit Namen benennen: den Raum und das Denken.

Der Philosophiehistoriker ist bisweilen gern bereit, in diesen beiden Attributen Vorstufen der Kantischen Kategorien zu sehen: aus dem Raum kann man dann mit Hilfe einiger Zwischenglieder die "transzendentalen Anschauungen" von Raum und Zeit entwickeln, aus dem Attribut des Denkens die Kategorien unserer vorstellenden Vernunft, in der wir die Erscheinungen des Seins denken müssen – niemand kann prinzipiell anders denken. Aus den vom Arm des Unendlichen eingeschlossenen Attributen werden also sehr irdische Kategorien; die anderen göttlichen Attribute, von denen Spinoza sagte, daß wir sie nicht kennen, werden von dem Königsberger Philosophen kurzerhand beiseite geschoben: sie interessieren ihn nicht, wenn es um die Erkenntnistheorie der reinen Vernunft geht. Die in der Lehre Spinozas noch einmal von Gott durchglühte Wirklichkeit wird zu einer Summe von Erscheinungen, die sich für uns nach menschlichen Denkgesetzen verhalten. Alles Göttliche wird aus der äußeren Realität in das Innere des menschlichen Herzens verlegt – denn: "Gott ist... bloß ein moralisches Verhältnis in uns" heißt es bei Kant. Dieses "Göttliche in uns" gebar den deutschen Idealismus und die deutsche Romantik – bis das menschliche Herz vor dieser Überbeanspruchung, dieser Fülle von Werten, deren Träger es sein sollte – versagte, bis auf Novalis und Hegel Feuerbach und Marx und Lenin folgten...