H. M. W., Wien, im April

Damit können Sie höchstens in St. Pölten reüssieren...", ist eine der Wiener Redewendungen, in der sich der Hochmut des Großstädters gegenüber der nächstgelegenen Provinzstadt ausdrückt.

Jetzt ist ein Sohn St. Pöltens, Ingenieur Julius Raab, an die Spitze des noch immer viermächtebesetzten Staates getreten. Er hat manche Eigenschaft, die sich ohne viel Schwierigkeit auf Einflüsse der engeren Heimat zurückführen läßt. Von den Gründern der St. Pöltener Industrie stammt der nüchterne rechnerische Sinn und der Wagemut, von den Baumeistern (Raab stammt selbst aus einer Baumeisterfamilie und hat diesen Beruf ausgeübt) der Blick für die tragenden Elemente. Dazu kommt eine unbekümmerte, herrische Grobheit. "Das verstehst’ net, das wird so gemacht", kann er einen Abgeordneten seiner Partei kurz wissen lassen, und niemand nimmt ihm solches Poltern übel.

Noch etwas ist bemerkenswert an diesem Mann, dem man die 62 Jahre nicht anmerkt: die Tapferkeit. Nicht die landläufige Tapferkeit – und auch davon besaß er genug, um sich im Krieg die "Goldene" zu verdienen, die Offizieren nur äußerst selten verliehen wurde, sondern jene zähe, unauffällige Tapferkeit, die keine Niederlage als endgültig akzeptiert.

Wie oft war dieser Raab schon ein erledigter Mann! Zum erstenmal, als Schuschnigg mit Starhemberg in Konflikt geriet und die Heimwehr auflöste, in der Raab eine führende Rolle spielte. Aber als Schuschnigg für sein letztes Kabinett die stärksten verfügbaren Kräfte mobilisieren wollte, wurde Raab Bundesminister für Handel und Verkehr. Dann, als März 1938 die Selbständigkeit Österreichs erlosch, kehrte Raab nach St. Pölten zurück, um in der väterlichen Baufirma zu arbeiten. Merkwürdigerweise gefiel seine herrische Grobheit den Nazis nicht schlecht, man drückte sogar ein Auge zu, als Raab seinen Betrieb zu einem Refugium für politisch und rassisch Verfolgte ausbaute. –

Und wieder schien er 1945 ein erledigter Mann zu sein, als die Russen erklärten, einen Minister mit Heimwehr-Vergangenheit nicht akzeptieren zu wollen. Trotzdem füllte Raab Stellungen aus, die einflußreich waren, er wurde Staatssekretär, Bundesparteiobmann der österreichischen Volkspartei (ÖVP) und Leiter der politischen Organisation der österreichischen Wirtschaftstreibenden. Nur waren diese Ämter, die man für die stärkste politischeegabung des konservativen Lagers vorgesehen hatte, eigentlich enttäuschende Positionen.

Und nun ist Raab doch Bundeskanzler geworden, die schwerste Aufgabe seiner Laufbahn steht damit vor ihm: Er muß einer Koalitonsregierung präsidieren, in der die durch ihren Wahlerfolg selbstbewußt und aggressiv gewordene Sozialistische Partei stets Forderungen stellen wird, die Raab und sein im Wahlkampf sehr populär gewordener Finanzminister Karnitz nicht bewilligen können, da es ihr Konzept der klassischen Wirtschaftspolitik umstoßen würde. Das Zauberwort, mit dem dieses Dilemma gelöst werden soll, lautet: "Die Entscheidung ins Parlament!" Dort haben nämlich ÖVP und der Verband der Unabhängigen (VdU), welch letzterer nicht in der Regierung ist, eine Mehrheit von zehn Stimmen. Aber wie oft kann von dieser Mehrheit Gebrauch gemacht werden, ohne die Kaolition zu sprengen? Und wie groß werden die Sozialisten den "koalitionsfreien Raum", wie man das jetzt nennt, belassen? Diese Frage wird die österreichische Innenpolitik beherrschen. Und da im Frühsommer zahlreiche Wirtschaftsgesetze außer Kraft treten, wird die Probe aufs Exempel nicht allzulange auf sich warten lassen.