H. v. V., Kairo, im April

Das Jahr 1952 war kein gutes für die ägyptische Wirtschaft." Mit diesen Worten begann der Präsident des Verwaltungsrates der ägyptischen Nationalbank, Aly Chamsi, seinen Rechenschaftsbericht über das verflossene Jahr 1952. Zwei Jahre behördlicher Eingriffe auf dem Baumwollmarkt haben die normale Preisentwicklung verfälscht und nur im Sinne einer Hausse gewirkt. Nach einer Periode der Inflation macht Ägypten jetzt eine Deflation durch, deren unmittelbare Gründe in einem allgemeinen Niedergang der Preise und der Stagnation der Ausführen zu suchen sind, die wiederum in der Folge einen gefährlichen Tiefstand der ägyptischen Sterling-Guthaben zeitigen.

Es war eine glückliche Maßnahme der Regierung, im letzten Jahr die Ausfuhrtaxe auf Baumwolle aufzuheben und die ägyptischen Baumwollpreise den amerikanischen anzugleichen. Natürlich gehen dadurch die Einnahmen der Landwirte wie auch der Wert der Ausfuhren zurück, während auf der anderen Seite die Einschränkungen in der Erteilung von Einfuhrlizenzen den Wert der Gesamteinfuhren vermindern. Der Präsident erwartet von diesen Maßnahmen aber ein weiteres Verschwinden inflationistischer Tendenzen, die bis vor kurzem die Kaufkraft des Geldes im Innern bedrohten. Er warnt davor, die aktuelle Krise durch eine Vertrauenskrise zu verschärfen und fordert die ägyptische Wirtschaft auf, ein psychologisch günstiges Klima zu schaffen, das zu neuen Anlagen und Unternehmungen anreizt.

Die Agrarreform kam unglücklicherweise in eine Periode wirtschaftlicher Depression hinein. Ein ursächlicher Zusammenhang besteht jedoch nicht. Das zu lösende Problem ist das Mißverhältnis der bebauten Fläche zu der Anzahl der Besitzer, das bisher keine Änderung erfuhr, während die Bevölkerung dauernd stark zunimmt. In den letzten 50 Jahren hat sie sich verdoppelt. Der Zweck der Reform ist in erster Linie ein sozialer.

Im Augenblick ist es jedoch unbedingt erforderlich, die landwirtschaftliche Produktion nicht zu gefährden. Die sozialen Maßnahmen werden sich im Augenblick darauf beschränken müssen, die Pachten, Löhne und Fiskallasten miteinander in Einklang zu bringen, ehe an eine Aufteilung des Großgrundbesitzes an Kleinbauern in großem Umfang gedacht werden kann. Als späteres Ziel muß eine Ausweitung der Gesamtproduktion der Landwirtschaft angestrebt werden, die nur durch eine gut geleitete Planung möglich sein wird. Deren Aufgabe wird es ebenfalls sein müssen, die Vergrößerung der Anbaufläche in Angriff zu nehmen. Zwei Drittel der männlichen Bevölkerung Ägyptens lebt von der Landwirtschaft. Nur durch Urbarmachung neuen Landes kann die Kaufkraft des Geldes zunehmen und können sich Märkte für die Aufnahme einer eigenen Industrie bilden, die in Wechselwirkung einen Teil der überschüssigen Landbevölkerung aufnehmen kann.

Die Finanzierung der Agrarreform erfolgt durch die Ausgabe von Staatsobligationen, deren 3 %ige Verzinsung und Amortisation im Laufe von 30 Jahren von den Eingängen an Zahlungen der Bauern abhängt, die Neuland durch die Bodenreform erwerben. Die Sicherstellung dieser Eingänge und der erforderlichen Kredite für die neuen Kleinbauern und die bisherigen Pächter, deren Geldgeber bislang der Großgrundbesitz war, sind die vordringlichsten Finanzierungsprobleme der Agrarreform. Die Funktion der Großgrundbesitzer, zu der die Anschaffung von Düngemittel, die Zurverfügungstellung von landwirtschaftlichen Maschinen, Kredite für Viehankauf u. a. gehörte, soll in Zukunft von landwirtschaftlichen Korporationen übernommen werden, die natürlich hierzu vom Staat mit den nötigen Mitteln ausgestattet werden müssen.

Die gegenwärtige Baumwollkampagne hat unter sehr ungünstigen Vorzeichen begonnen. Die Krise, die die Textilindustrie der ganzen Welt erfaßt hatte, beeinflußte die Nachfrage nach neuer Ware und lastet noch heute auf den seit 2 bis 3 Jahren angesammelten Vorräten. Der Überfluß der amerikanischen Ernte von ungefähr 15 Mill. Ballen ist ebenso ein ernstes Moment der Konkurrenz für Ägypten, wie die Vorräte in anderen Ländern, die sich vielleicht nicht einmal an die amerikanischen Preise halten werden. Hierzu kommt die empfindliche Verminderung der Einkäufe durch die Spinnereien von Lancashire seit dem Herbst 1951. Im Verlauf von zwei Jahren sind die ägyptischen Baumwollpreise um 50 v. H. zurückgegangen, gegenüber nur 24 v. H. der amerikanischen