Fast scheint es, als hätte die Kunst der Erzählung keine fest umrissenen Gesetze. Ob geballte Handlung wie beim Kohlhaas, eingeschmiedet in das strenge Satzgefüge, ob elegantes Jonglieren mit dem Seziermesser eines Maupassant – es gibt keinen Generalnenner, nach dem literaturbesessener Scharfsinn kategorisieren könnte. Aber doch bleibt das feine Maß des Nach-Empfindens, Nach-Begreifens, mit dem erzählerisch gestaltetes Leben als Kunst oder karger Versuch bemessen werden darf. Die Reihe der klassisch gewordenen Beispiele wurde durch Kafka um ein Phänomen bereichert, das komplizierte seelische Vorgänge in Gleichnissen zu Handlungsträgern erhebt. Seine Nachfolger fanden ein interessantes Spielfeld, indem sie psychologisch funkelnde "Kafkaden" schufen, die dem Leser die Wahl lassen, mit dem Autor um Selbsterkenntnis zu wetteifern. Zu ihnen gehört Friedrich Dürrenmatt:

Die Stadt – Prosa I – IV. (Im Verlag Die Arche, Zürich.)

Prosa I ist eine Art literarischer Pointillismus. Die kurzen Sätze brüllen sich tot. Sie werden dem Leser als mißglückter Avantgardismus ins Gesicht geworfen. Ein eklatantes Beispiel aus dem "Folterknecht": "Erfoltert. Die Wände keuchen. Die Quader brüllen. Die Steinplatten winseln. Aus den Ritzen glotzt die Hölle... Prosa II–IV allerdings ist verständlicher, aber auch so qualvoll, daß sie mit der Vision einer ewigwährenden Apokalypse verglichen werden kann. Im "Tunnel" bleibt auf einer Eisenbahnfahrt plötzlich das Ende des Tunnels aus, die Lokomotive rast in die Mitte des Erdballes, die nichtsahnenden Reisenden werden zu Verdammten ohne Gnade, und stürzen – warum nur? – auf Gott zu, der sie verlassen hat. Die kleinste Spur von Optimismus oder Vertrauen wird hinter dem Schleier der kunstvollen und bisweilen künstlich getragenen Sprache erstickt. So ergibt sich ein Weltbild, das fern von Trost und Hoffnung und noch ferner von der Kraft und ursprünglichen Lust am Formen dem feinnervigen Intellektualisten einen willkommenen Anlaß zum Schwelgen in der trüben Gewißheit bietet, das hilfloseste aller Opfer und in Ewigkeit verworfen zu sein. – Wie anders dagegen ein deutscher Autor:

Emil Barth: Linien des Lebens (im Brüder Auer Verlag, Bonn).

"Das Wiedersehen" heißt eine Erzählung dieses Bandes. Darin schildert Barth eine Begegnung alter Menschen, die sich einst liebten. Das Thema ist nicht neu. Doch wie die Greisin, von der Koketterie der Jugend zehrend, sich noch einmal über das Welke, verblichene ihrer Gegenwart hinwegzaubern will und den Mann fesseln möchte, das ist ein Meisterstück verhaltener Trauer und glücklicherweise zu scharf gezeichnet für eine entgleisende Rührseligkeit.

Verlegerischer Mut gehört dazu, eine einzelne Erzählung heute, da der Leser große Romane will, zu veröffentlichen. Ein Hamburger Verlag mit großem Namen hatte ihn:

Paul Gallico: Die Schneegans (im Marion-von-Schröder-Verlag, ins Deutsche übertragen von Karin von Schah).