Es ist schwer zu sagen, woran es liegt, daß man an den Börsen so häufig von einem Extrem ins andere fällt. Wenn nach den ersten sowjetischen Friedensfühlern sich an der New Yorker Börse bereits wieder ein Markt für zaristische Anleihen gebildet hat und darüber hinaus lebhaft andere Ostblockwerte umgesetzt wurden, dann kann man bestenfalls über so viel Naivität den Kopf schütteln. Der Kuriosität halber sollen die Kurse, die sich aus diesen Umsätzen ergaben, hier erwähnt werden: 6 1/2 v. H. Russische Staatsanleihen zogen auf 5 v. H. an. In Amsterdam stieg die abgestempelte Pfundanleihe des tschechoslowakischen Staates aus 1922 von 47 1/4 auf 50 v. H., die Rumänische Monopolanleihe notierte mit 2 v. H. die 4 1/2 v. H. Budapester Stadtanleihe mit 7 v. H. und die 7 1/2 v. H. Bulgarische Stabilisierungsanleihe mit 3 1/4 v. H. Im übrigen ist die Stimmung an den Weltbörsen nach den ersten Kursstürzen wieder ausgeglichener. Erhalten bat sich ein immer noch fühlbares Interesse für deutsche Spitzenwerte, die über Sperrmark recht billig zu haben sind. Ein Teil der ausländischen Käufer schwenkte neuerdings von den IG-Farben auf den Montanmarkt über, da vermutet wird, daß der Bergbau sowie die Eisen- und Stahlindustrie die besten Aussichten für eine eventuelle Finanzhilfe der USA besitzen dürften.

Es spricht für die Widerstandsfähigkeit der deutschen Aktienkurse, wenn die erneuten Rückschläge auf den Weltwarenmärkten trotz der sorgenvollen Gesichter der Importeure keiner, Einfluß auf die Tendenz der Effektenbörsen gewinnen konnten. Durch die rege Aktivität des Berufshandels wurde das Kursniveau ziemlich allgemein leicht nach oben gedrückt, dabei standen die IG-Farbenpapiere und die Montane an der Spitze

Die IG-Farben-Aktien kamen erstmalig seit längerer Zeit wieder über Part (90 v. H.) hinaus. Nach 69 stiegen sie auf 96, fielen jedoch nach Gewinnrealisationen zum Wochenschluß auf 93 1/2 v. H. zurück. Dieser Kurs läßt sich nur rechtfertigen, wenn die Nachfolgegesellschaften auch wirklich dividendenreif sind. Daß dies zutrifft, darüber bestehen wohl an keiner Stelle Zweifel. Die Anlage der Bilanzen bei den neuen Unternehmen läßt die Aufnahme einer kontinuierlichen Dividendenpolitik als ziemlich sicher erscheinen (die NGS-Anteile der IG-Farben zogen um 4 Punkte an und schlossen am Wochenende mit 92 v. H.).

Im Umsatz rangierten an zweiter Stelle hinter den IG-Farben die Montanaktien, die mit der fortschreitenden Entflechtung laufend Anregungen durch die Bekanntgabe zuverlässiger Zahlen erhielten. Zum Teil fanden die bisher geltenden Umstellungstaxen durch solche Veröffentlichungen ihre inoffizielle Bestätigung, in anderen Fällen mußte auch nach oben oder unten korrigiert werden. Größere Überraschungen gab es jedoch nicht. Nach den jüngsten Kapitalschätzungen bei den Ver. Stahlwerken bewegen sich die Umstellungserwartungen – wie aus Düsseldorfer Börsenkreisen bekannt wird – zwischen 1:3 1/4–1:3 1/2. Da man bislang nur mit 1:3 rechnete, wurde der Kurs nach oben gesprochen und um 6 Punkte auf 186 v. H. heraufgesetzt. Das entspricht bei einer 1 :3 1/4-Umstellung einem DM-Kurs von nur 57 v. H. Bei den neuen Mannesmann-Aktien lag der Gewinn auf der gleichen Linie, nur muß man hier berücksichtigen, daß diese Papiere bereits In DM notieren, also schon mit 78 1/4 v. H. ihren "echten" Kurs haben. Markttechnisch ergaben sich insofern Schwierigkeiten, als die Mannesmann-Aktien noch nicht vollzählig umgetauscht sind. Auftretende Engpässe lagen deshalb außerhalb von Angebot und Nachfrage. – Im Falle der Gutehoffnungshütte werden sich die Aktionäre vermutlich mit einer Quote von 1:3–1:3 1/4 zufriedengeben müssen. Die zeitweilig geäußerte Relation 1:3,8 stand – wie zu erwarten war – auf recht unsicheren Füßen (Kursgewinn bei der GHH: 3 Punkte). – Bei Hoesch wird sich die Umstellungsschätzung von 1:2 1/2 sicherlich verwirklichen lassen, unter Umständen kann man sogar noch etwas zulegen. – Klöckner kamen in der vergangenen Woche sogar einmal auf 200 v. H., im Zuge der Gewinnmitnahmen ging es später auf 198 zurück.

Der Bankenmarkt wurde durch Dividendenerwartungen belebt. Mit wieviel Prozent die Nachfolgegesellschaften der Großbanken aufwarten werden, blieb allerdings noch im dunkeln. Die Meinungen schwankten zwischen 4 und 8 v. H. Die endgültigen Beschlüsse werden auf AR-Sitzungen gefaßt, die in diesen Tagen stattfinden werden. Angesichts der noch offenen Frage künftiger steuerlicher Erleichterungen werden die Entscheidungen nicht ganz einfach zu treffen sein. Unabhängig von den Papieren der ehemaligen Großbanken entwickelten sich die Reichsbank-Anteile, die von 54 1/2 auf 59 v. H. befestigt waren. An der Hanseatischen Wertpapierbörse wurde in diesem Zusammenhang davon gesprochen, daß das Berliner Millionenpaket, das in den letzten Wochen auf den Kurs drückte, nunmehr fast vollständig untergebracht ist. Die Bemühungen, Jetzt auch die effektiven Stücke der Reichsbankpapiere für den Handel freizubekommen, scheinen zum Erfolg zu führen. Es ist nicht anzunehmen, daß durch den dann verbreiterten Markt ernsthafte Konsequenzen für den Kurs entstehen werden, da es bislang auch schon Wege für die Besitzer dieser Stücke gegeben hat, sich von ihrem Besitz zu lösen.

Elektro- und Versorgungswerke fanden stärkere Beachtung. Für du Standardwerte trat auch das Ausland als Käufer auf. Die im Londoner Schuldenabkommen vorgesehene Möglichkeit, Kapitalzinsen, transferieren zu können, scheint hier einen wesentlichen Anreiz auszuüben. In AEG wurden besonders rege die NGS-Anteile umgesetzt. HEW notierten zu 72 2/4 nach 69 1/2,, RWE konnten den Dividendenabschlag von 3 3/4 v. H. fast völlig ausgleichen. – Infolge bevorstehender Hauptversammlungen kamen Brauereiwerte mehr zum Zuge. Die feste Tendenz bei der Kieler Brauerei "Zur Eiche" wird auf Interessenkäufe zurückgeführt. – Industriepapiere waren im allgemeinen erholt und befestigt. Als Ausnahme ist Lederwerke Wiemann zu nennen, wo der Abschlag \3 Punkte betrug. Kaum Beachtung fanden die Schiffahrtsaktien. Die gespannte Frachtenlage läßt auch für die Zukunft nicht viel Gutes erhoffen. Die Werftpapiere lagen unter dem Druck von Betriebseinschränkungen und Auftragsstornierungen. Dt. Werft-Aktien notierten an der Hanseatischen Wertpapierbörse zum Wochenschluß mit 63 G, damit verloren sie in diesem Monat bereits 6 Punkte.

Am Rentenmarkt kam anfangs noch etwas Material in RM-Pfandbriefen heraus, so daß die Kurse einiger Kategorien sich um 1–2 Punkte ermäßigten. Im Wochenverlauf ist das Angebot merklich zurückgegangen. Im Zusammenhang mit der Abwärtsbewegung bei den Montanen lagen die Harpener Bonds fester. Hamburger Anleihe blieben weiter gefragt. Während Lastenausgleichs- und Exportanleihe sich noch im Zustande der Beratungen befinden, kann mit der Ausgabe einer 20-Mill.-DM-Anleihe der Landwirtschaftlichen Rentenbank als ziemlich sicher gerechnet werden. Die Schuldverschreibungen sollen mit Via v. H. verzinst und mit 98 v. H. aufgelegt werden (Kapitalertragssteuer 30 v. H.). –n d t.