In Rußland gab es eine Amnestie –: den Prestigegewinn hat Berija; der Korea-Frieden bahnt sich möglicherweise an –: Prestigegewinn für Molotow. Die Lebensmittel wurden billiger –: man dankt es den Wirtschaftsfachleuten. Malenkows Name aber wird auffallend selten erwähnt. Als der Pole Bierut vor dem Zentralkomitee seiner Partei eine Gedenkrede auf Stalin hielt, sprach er davon, daß "die sowjetischen Parteiführer" sein Werk fortsetzen würden; auf bestimmte Namen legte er sich nicht fest. Angesichts der labilen Lage im Kreml ist für die Satelliten Vorsicht am Platze.

Nach der offiziellen Lesart sind die Veränderungen nach dem Tode Stalins auf Grund von Plänen erfolgt, die schon lange mit dem Generalissimus erwogen worden waren. Die Neuordnung sollte eine schlagkräftigere Führung und ein höchstes Maß an Einigkeit sichern. Es sieht aus, als ob es tatsächlich gelungen sei, den Übergang reibungslos zu vollziehen. Weite Kreise des Westens sind überrascht. Sie neigen zu der Auffassung, daß die Nachfolger die Zerreißprobe bereits bestanden hätten und darum in der Lage seien, mit sicherer Hand einen neuen Kurs in der Außenpolitik zu steuern. Bei einem Vergleich der amtlichen Moskauer Verlautbarungen der letzten Wochen ergeben sich jedoch Zweifel an der Planmäßigkeit der getroffenen Maßnahmen und der Krisenlösigkeit des Regimes.

Die politische Struktur, die Stalin auf dem XIX. Parteitag verkündet hatte, ist nicht aufrechterhalten worden. Damals ein 25köpfiges Parteipräsidium – heute ein von zehn Männern gebildetes Direktorium, in dem argwöhnisch darauf geachtet wird, daß niemand zu große Machtfülle auf sich vereint. In den ersten Tagen wurde Malenkow noch sichtbar herausgehoben. Die Zeitungen veröffentlichten eine Aufnahme aus der Zeit des Bündnisabschlusses mit Peking im Februar 1950, die Malenkow zusammen mit Stalin und Mao-tsetung zeigte. Aber das Bild war eine Fälschung, wie ein Vergleich mit dem Original ergab. In Wirklichkeit hatte Malenkow abseits gestanden; erst Retuschierkunst rückte ihn dann nach vorn und merzte alle für den neuen Zweck überflüssigen Personen aus. Die Tendenz, Malenkow als allmächtigen Jünger und Erben des Meisters zu glorifizieren, ist aber rasch aufgegeben worden. Das Regime versinkt in Anonymität. Die Moskauer Propaganda unterläßt es sogar mehr und mehr, den Geist Stalins anzurufen.

Das Parteisekretariat ist innerhalb einer Woche in seiner Zusammensetzung sogar zweimal geändert worden. Am 6. März noch bestand es aus acht Mitgliedern mit Malenkow an der Spitze; am 14. März nur noch aus fünf Mitgliedern, und Malenkow hatte zugunsten Chruschtschews verzichtet.

Auf der Tagung des Obersten Sowjets Mitte März war beschlossen worden, Ministerien zusammenzulegen. Dies ist aber seitdem in sehr viel größerem Umfange geschehen, als es in den Kommuniqués vom 6. März angekündigt worden war. Bulganin, eben erst zum Kriegsminister ernannt,, wurde Chef des aus den Ressorts Kriegsministerium und Kriegsmarine gebildeten Verteidigungsministeriums. Ignatow hatte, wie Ponomarenko, einen Ministerposten erhalten sollen –: nun fehlt sein Name auf der neuen Kabinettsliste; und eine Erklärung dafür ist niemals gegeben worden. Bezeichnend ist schließlich auch, daß die Abgeordneten des Sowjetparlaments 24 Stunden mit der Eröffnung der Sitzung warten mußten, weil das Zentralkomitee tagte, das man offenbar in letzter Stunde zusammengerufen hatte. In das Präsidium des Obersten Sowjets wurde, ohne daß der Punkt auf der Tagesordnung gestanden hätte, Andrejew gewählt, den die Malenkow-Gruppe vor zwei Jahren zur Niederlegung seiner Staats- und Parteiämter gezwungen hatte. Alle diese Vorgänge sprechen dafür, daß ein Ringen um Machtpositionen stattgefunden hat, das nur mühsam nach außen hin verborgen werden konnte.

Malenkow kämpft um seinen ersten Platz. Und die Widerstände, die er findet, scheinen nicht kleiner zu werden. Ob Chruschtschew, sein Nachfolger im Präsidium des Parteisekretariats, auch heute noch als sein Freund gelten kann, ist ungewiß. In seinem Rechenschaftsbericht vor dem Parteitag hat Malenkow an der Politik zur Schaffung von Agrostädten und an der Moskauer Parteiorganisation Kritik geübt. In beiden Fällen war Chruschtschew der Verantwortliche. Da erst sechs Tage nach der Sitzung des Zentralkomitees Malenkows Enthebung als Parteisekretär bekanntgegeben worden ist, liegt der Schluß nahe, daß er sich gegen Chruschtschew als Nachfolger in diesem Amt gewehrt hat.

Wichtiger ist aber, wie sich das Verhältnis Malenkows zu Berija gestalten wird. Die sensationelle Rehabilitierung der verhafteten Ärzte – ein für ein totalitäres Regime einzigartiger Vorgang – ist nur so zu verstehen, daß mächtige Interessengruppen gegeneinander stehen. Solange im Staatssicherheitsministerium General Abakumow saß, konnte Berija als oberster Lenker dieses allmächtigen Apparates gelten. Zu einem Zeitpunkt, den wir nicht kennen, ist aber ein Malenkow-Mann Sicherheitsminister geworden: Ignatjew. Im Oktober wurde er Mitglied des Parteipräsidiums, Abakumow dagegen verlor seinen Platz im Zentralkomitee. Im Januar sind bei Bekanntgabe der "Ärzteverschwörung" die Sicherheitsbehörden von der Prawda mangelnder Wachsamkeit beschuldigt worden, sie hätten "die Schädlinge nicht rechtzeitig entdeckt". Das richtete sich damals gegen Berija. In dem Augenblick, in dem Berija dann wieder die Kontrolle über den Polizeiapparat erhielt, hat er die "Ärzteverschwörung" als Schwindel entlarvt, die Erpressung von Aussagen durch Torturen und die Stellung falscher Zeugen "aufgedeckt". Zwar wurde alle Schuld nunmehr nicht Ignatjew, dem gänzlich unbekannten, sondern Rjumin zugeschrieben; aber Ignatjew als erster der Männer des Nach-Stalin-Regimes wurde aus dem Parteisekretariat wegen "politischer Blindheit" ausgestoßen. Und bisher konnten die Regisseure jener Verschwörungsszene den Schlag nicht parieren.