In einigen westlichen Zirkeln besteht die Tendenz, die friedlichen Gesten der Sowjetregierung freudig als Beweise für die Beendigung des Kalten Krieges und für eine dauernde Verständigung zu begrüßen. Hier ist große Vorsicht am Platze – das haben gerade die gescheitesten Politiker des Westens seither oft genug betont. Daß sie recht mit ihrer Vorsicht haben, zeigt ein Artikel der Täglichen Rundschau, des Berliner Sowjetorgans, der sich mit dem Zweck der Moskauer Friedensgesten beschäftigt. Der Artikel trägt die vielversprechende Überschrift: "Den imperialistischen Räubern gerüstet entgegentreten!" "Er (Lenin) lehrte, daß oft Umwege notwendig sind, wenn im gegebenen Moment der Gegner an Kräften überlegen ist, daß man sich zeitweilig zurückziehen muß, um neue Kräfte zu sammeln. Erst so wird es möglich sein, den neuen Angriff vorzubereiten, die Grundlagen für den Sieg der gerechten Sache zu schaffen..."

Im Lichte solcher Ausführungen wird man die sowjetischen Friedensschalmeien zu analysieren haben. Eine solche Untersuchung ist nicht angenehm für die Sowjetunion, und deshalb hat sich in Karlshorst – wie Eingeweihte sagen – eine böse Auseinandersetzung zwischen den Sowjetbehörden und der Redaktion der Täglichen Rundschau abgespielt, der "unverzeihliche Dummheit, die einer Sabotage der gegenwärtigen offiziellen politischen Richtlinien gleichzusetzen ist", vorgeworfen wurde. F.