Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im April 1953

Seit mehr als vier Monaten ist der Minister für Handel und Versorgung in der Sowjetzone, Dr. Hamann, im Gefängnis. Ihm nämlich wird die Ernährungskatastrophe im wesentlichen zur Last gelegt, eine Katastrophe, die sich schon vor mehreren Monaten abzeichnete. Damals, vor vier Monaten, schrie allen "Hamann ist schuldig!" Aber die Versorgungssituation der Zone hat sich in all der Zeit, da der robuste SED-Sekretär Wach aus Potsdam das Versorgungsministerium übernehmen mußte, keineswegs verbessert. Dazu hat wahrscheinlich die Mißernte in einem Teile Südrußlands beigetragen, die offenbar auch in der Sowjetunion selbst Ernährungsschwierigkeiten hervorgerufen hat.

Vor ein paar Wochen hatte Wach, der neue Versorgungsminister, die wenigen vorhandenen "freien Nahrungsmittel" auf dreißig namentlich ausgesuchte "Schwerpunktbetriebe", also Betriebe mit Rüstungsaufträgen, konzentriert. Das Karten und Bezugscheinsystem existiert ja mit wenigen Ausnahmen noch immer in der Sowjetzone. Lediglich Brot und Nährmittel sind unbewirtschaftet. Aber dies verbürgt keinen freien Einkauf, denn Kartoffeln, Nährmittel und Gemüse sind immer nur stoßweise und keineswegs an allen Orten und keineswegs ausreichend zu bekommen.

Die Werkküchenportionen sollen aufgebessert werden! – das ist das Stichwort für neue Maßnahmen; in Wirklichkeit aber verschärfen diese "Aufbesserungen" die Rationierung und treiben für die Allgemeinheit die Preise in die Höhe. Zunächst trifft diese Preissteigerung die mehr als 40 000 Ostberliner, die in Westberlin arbeiten. Ihnen sollen die Lebensmittelkarten am 1. Mai weggenommen werden, so daß sie gezwungen sind, die auf Karten erhältlichen Grundnahrungsmittel zu Westmarkpreisen in Westberlin einzukaufen. Weiterhin werden den Ingenieuren, Chemikern, den Universitätslehrern und Ärzten, kurz der "Intelligentsia", die Lebensmittelkarten abgenommen, die dieser besonders verhätschelten Gruppe ermöglichten, jahrelang zusätzlich Lebensmittel zu normalen Preisen zu kaufen. Vor allem auch werden die Normallebensmittelkarten allen Eigentümern, Mitbesitzern, Aktionären, Händlern, Pächtern und Hausbesitzern entzogen, also allen Sowjetzonenbewohnern, die noch eine selbständige Stellung haben und deren Besitz bisher nicht enteignet wurde. Ein Kreis von mehreren hunderttausend Menschen wird damit gezwungen, seine Lebensmittel zu den wesentlich höheren Schwarzmarktpreisen der HO-Läden zu kaufen. Die weitere Ankündigung, daß die Karten und Bezugscheine für Textilien und Schuhe vom 1. Mai ab wegfallen, hat nur zur Folge, daß Textilien und Schuhe von nun an nur zu den hohen Preisen der HO-Läden, – Schuhe von 150 bis 200 Mark – zu haben sein werden.

Wenn ehestens schon zu erwarten war, daß in den Frühjahrsmonaten bis zur nächsten Ernte die Versorgungssituation in der Sowjetzone noch kritischer als im Winter sein werde, so sind all diese Befürchtungen jetzt bestätigt. Die SED-Regierung, die offensichtlich keinen Ausweg weiß, hat eine total kommunistische Entscheidung getroffen: sie setzt die politisch mißliebigen Schichten, die Selbständigen wie die in Westberlin Tätigen, vollends dem Hunger aus und macht die einigermaßen regelmäßige Mahlzeit von der Stachanow-Arbeit im Betriebe abhängig.