Manche Rundfunksendungen erregen Ärger, nachdem sie gesendet wurden. Andere wieder erregen den Ärger gerade dadurch, daß sie nicht gesendet wurden. Zu diesen gehört die Feature aus der Ruhrindustrie "Schichtwechsel der Eigentümer" von Werner Eckhardt, über die wir (in Nr. 14 der "Zeit", Seite 5) rühmendes zu sagen hatten. Der NWDR Hamburg hatte sie ohne Ärger gesendet – und damit begann der Ärger.

Der Hessische Rundfunk war nämlich der Auftraggeber gewesen. Für ihn hatte Werner Eckhardt das Feature geschrieben, und als das Manuskript vorlag, drückte ihm der Leiter der Feature-Redaktion, Alfred Andersch (derselbe, der dann später die Hamburger Sendung veranlaßte), brieflich seine Freude aus: "Es ist von einer wirklich wohltuenden Sachlichkeit und Klarheit, dabei ,funkisch‘ gekonnt, ohne daß man den Eindruck einer schon völlig eingefahrenen und glatten Routine bekäme. Es erfüllt die Hauptaufgabe, die dieser Sendung gestellt wurde, nämlich die lebendige Information zu sein." Den gleichen Eindruck hatte der Referent des Frankfurter Rundfunk-Intendanten, Hans Peter Antes. "Zur Selbstkontrolle", so schrieb er dem Autor, "ließ ich das Manuskript von einigen meiner Bekannten aus dem Wirtschaftsleben lesen, und sie fanden es in der jetzigen Form spannend und interessant, eine Bewertung, die ich gern und zwar vollkommen an Sie weitergeben möchte."

Eckhardts so günstig beurteilte Arbeit wurde also in die Produktion gegeben und aufs Programm gesetzt. Aber gesendet wurde sie nicht, weder zur angesetzten Stunde, noch später, obwohl sie bereits einem Kreis von geladenen Gästen vorgeführt worden war. Dafür erschien eine Woche nach dem ursprünglich vorgesehenen Sendetermin in der Wochenzeitung "Welt der Arbeit" des Deutschen Gewerkschaftsbundes eine scharf polemische Glosse des stellvertretenden Chefredakteurs Otto Stolz, in der es hieß, der Hessische Rundfunk habe im letzten Augenblick "kalte Füße bekommen und trotz Ankündigung im Programm auf eine Sendung des Hörwerkes verzichtet. Und er tat gut daran!"

Die Vermutung, daß Kreise des DGB-Vorstandes nach Abhören der internen Vorführung auf die Frankfurter Rundfunkintendanz eingewirkt und die Absetzung einer zur DGB-Politik sich kritisch äußernden Sendung erreicht hätten, lag nahe. Die "Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung" sprach diese Vermutung aus – und erhielt als Antwort ein Fernschreiben von der Pressestelle des Hessischen Rundfunks. Darin wurde sie belehrt, der Intendant sei bei seiner Entscheidung, Eckhardts Hörwerk abzusetzen, "ausschließlich von der Überzeugung bestimmt gewesen, daß die Aufnahme in der vorliegenden Form weder der Problematik des Themas gerecht wurde, noch den künstlerischen Anforderungen genügte, die der Hessische Rundfunk im Interesse derjenigen Hörer stellen muß, an die sich die Sendung wendete". Der Intendant desavouierte also nachträglich zwei seiner leitenden Mitarbeiter, um die Absetzung einer Sendung zu begründen, die diese gern hatten verantworten wollen. Wer war also stärker in Frankfurt am Main: die Redakteure des Funks oder die der "Welt der Arbeit"? C. E. L.