Von Heinz Hell

Der Stein des Anstoßes erhebt sich mitten in der Wildnis, wo weit und breit kein Haus steht. Sein Standort ist Zentralbrasilien, dort, wo die beiden Hochlandstaaten Goias und Minas Geraes aneinander grenzen. Die heutige Generation weiß kaum noch etwas von seiner Existenz, aber den älteren Bewohnern der schönsten Metropole ist sein Vorhandensein ein Greuel. Bedeutet er doch für sie nichts Geringeres als den Verlust ihrer Würde als Hauptstädter!

Der Streit um die Hauptstadt kommt bereits aus den Tagen des ersten Kaisers Don Pedro, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals plädierten Patrioten und Vorkämpfer der Freiheit für ihre Verlegung von den Küsten des Atlantik ins Innere, an einen strategisch sicheren und politisch zentral gelegenen Punkt des riesigen tropischen Landes. Sie taten es ohne Erfolg. Man wollte Rio de Janeiro, die Cidade Maravilhosa, nicht aufgeben zugunsten eines elenden Stückes Urwald, in dem sich die Schlangen und die Gürteltiere gute Nacht sagen. Aber in der ersten republikanischen Verfassung vom Jahre 1891 findet sich wiederum ein Passus, der befiehlt, daß die Hauptstadt der 22 Bundesstaaten Brasiliens weg von der Peripherie ins Innere zu verlegen sei. Es wurde nichts daraus.

Endlich, im Jahre 1922, anläßlich der Jahrhundertfeier brasilianischer . Unabhängigkeit, dachte man, dem Gesetz Folge zu leisten. Damals wurde jener Stein aufgestellt, der einsam war und einsam blieb. Immerhin steckte eine amtliche Kommission um ihn herum das Gelände ab für den Bundesdistrikt, darin die oberste Gewalt Platz finden sollte, einschließlich Palast des Präsidenten, Ministerien, Kammer und Kongreß mit allem sonstigen Zubehör. Es umfaßte 14 000 Quadratkilometer, das Siebenfache des Saargebiets. Man hatte es groß vor, und der neue Bundesdistrikt wurde auch gleich in alle brasilianischen Landkarten eingetragen, wo man ihn noch jetzt bewundern kann. Der Akt löste spontan eine wilde Terrainspekulation aus in jener entlegenen Gegend, deren Zukunft zunächst auf dem Papier stand, wenn auch auf dem Papier mit dem eingepreßten brasilianischen Staatswappen.

Jedoch blieb es auch diesmal bei dem Entschluß. Die Spekulanten verloren ihr Geld, und der Stein Laufe der Zeiten anderen Gesetzen. Übrigbleibt die Politik.

Nicht gering aber ist auch die Zahl derer, welche für Rio de Janeiro streiten. Ihre Argumentation fußt auf Rios alter Tradition als Verkehrs- und Handelszentrum, als wirtschaftlich bestimmender Faktor mit starker Bevölkerung ringsum, kurz auf Rios Charakter als Weltstadt. Wieweit bei ihnen die sonstigen Annehmlichkeiten Rios ins Gewicht fallen, die traumhaft schöne Lage zwischen Ozean und Bergen, der Luxus der Häuser und Wohnungen, überhaupt die ganze weiche, mehr der Sinnenfreude denn einer gedanklichen Konzentration und intensiver Arbeit zuneigende Atmosphäre dort, wollen wir dahingestellt sein lassen. Unter der Regierung Dutra, dem Vorgänger des heutigen Präsidenten Vargas, wurde eine Zeitlang auch die Zwischenlösung eines günstiger gelegenen Platzes fern der Küste erwogen; doch auch die Pläne blieben – Pläne, und der Stein in der Wildnis begann zu verwittern.

Wir hätten das Ganze auf sich beruhen lassen können, wenn nicht soeben die brasilianische Bundesregierung ihren ausführenden Organen die strikte Order erteilt hätte, nunmehr endgültig die notwendigen Schritte zum Studium einer Verlegung der Hauptstadt in Angriff zu nehmen. Allerdings, vorerst zum Studium. Wie lange es dauern wird, bis dieses Studium beendet und durch die Tat abgelöst wird, muß abgewartet werden.

Denn nach wie vor wird in Brasilien das Wort "Paciencia" – Geduld! – groß geschrieben.