Die Korrektur des winterlichen Einbruchs in das an sich hohe Niveau der westdeutschen Erzeugung und Beschäftigung ist in diesem Jahr recht frühzeitig erfolgt. Allerdings spielten konjunkturelle Auftriebskräfte bei dieser Anpassung kaum eine Rolle. Die seit Februar–März wieder sichtbar gewordene Gegenbewegung gegenüber dem saisonalen Rückschlag der vorangegangenen Wintermonate war vielmehr überwiegend jahreszeitlich bedingt. Durch das im Gegensatz zum Vorjahr stärkere Hervortreten jahreszeitlicher Einflüsse ist die Beurteilung der eigentlichen konjunkturellen Situation Westdeutschlands schwieriger geworden. Eine Abgrenzung zwischen jahreszeitlichen und konjunkturellen Einflüssen ist jedoch im einzelnen durchaus möglich, und zwar vor allem für jene Bereiche der Wirtschaft, die – wie etwa die Bauwirtschaft – ihre Auftriebsimpulse diesmal nicht nur aus jahreszeitlichen, sondern nachweisbar auch aus konjunkturellen Quellen erhalten haben.

Der schnelle und nachhaltige Aufschwung der Bauwirtschaft mit Eintritt günstigerer Witterungsverhältnisse war nicht nur saisonal, sondern auch konjunkturell bedingt. Als konjunkturelle Faktoren wirkten einmal der relativ große Überhang an noch nicht vollendeten Bauvorhaben und zum anderen vor allem die weitgehenden Kreditzusagen der Finanzierungsinstitute, die wiederum durch die steigende Kapitalbildung konjunkturell erleichtert und ermöglicht wurden.

Schwieriger ist demgegenüber die richtige Gewichtung konjunktureller und saisonaler Einflüsse für die eigentliche industrielle Produktion. Hier hat sich zunächst für die Investitionsgüterindustrie der übliche saisonale Anstieg im Februar dieses Jahres stärker als vielfach erwartet durchsetzen können. Die kräftige Zunahme der Investitionsgütererzeugung (Produktionsindex von 157,5 im Januar auf 167,1 im Februar d. J.) sollte jedoch vorerst noch nicht zu voreiligen Schlüssen führen. Bei Ausschaltung des hier ebenfalls positiven Saisoneinflusses und nach Berichtigung des durch Sonderfaktoren zu niedrigen Index der Januarerzeugung ist die Investitionsgütererzeugung auch im Februar konjunkturell mit einer Abnahme von rd. 4 v. H. gegenüber dem Januar noch rückläufig gewesen. Bei einer längerfristigen und zufällige Einflüsse ausschaltenden Betrachtung der westdeutschen Investitionsgüterindustrie zeigt sich, daß die Investitionsgüterindustrie mit einem Wachstum von rd. 3 v. H. (Januar/Februar 1952 bis Januar/Februar 1953) gegenüber der Verbrauchsgüterindustrie mit einer Zunahme von über 11 v. H. stark zurückgeblieben ist und auch die bescheideneren Zuwachsraten der Grundstoff- und Produktionsgüterindustrie von 4 bzw. 5 v. H. nicht erreichen konnte. Andererseits deuten die seit Februar wieder gestiegenen Auftragseingänge – auch von Seiten des Auslandes – in den wichtigsten Zweigen der Investitionsgüterindustrie (wie Maschinen- und Fahrzeugbau) darauf hin, daß von der Nachfrageseite her erneute Anregungen auf die Investitionsgütererzeugung ausgegangen sind.

Die entscheidende Rolle als Konjunktur stütze dürfte jedoch vorerst weiterhin der Verbrauchsgüterindustrie zufallen. Die Verbrauchsgütererzeugung im ganzen ist zwar im Februar noch leicht zurückgegangen. Ihre Entwicklung im einzelnen zeigt jedoch, daß diesem Erzeugungsrückgang keine konjunkturelle Bedeutung zukommt. Tatsächlich war für diesen Rückgang im wesentlichen ein Sonderfaktor – nämlich die durch den Textilarbeiterstreik bedingte Einschränkung der Textilerzeugung – verantwortlich. Die übrigen wichtigsten Gebiete der Verbrauchsgüterindustrie, so die Schuhindustrie und die Ledererzeugung, wiesen bereits im Februar wieder Erzeugungszunahmen auf.

Wesentlicher noch als diese kurzfristigen Symptome, zu denen auch die im März wieder gestiegenen Einzelhandelsumsätze, das gute Ostergeschäft und die entsprechend geräumten Lager des Handels gehören, sind jedoch jene Faktoren, die den eigentlichen konjunkturellen Rückhalt der Verbrauchsgütererzeugung bilden, nämlich die Einkommensentwicklung und hier vor allem die Entwicklung des Masseneinkommens. Trotz der beträchtlichen Zunahme der privaten Ersparnisse, die innerhalb Jahresfrist von 4 v. H. der gesamten den privaten Haushalten zur Verfügung stehenden Mittel auf 7 v. H. gestiegen sind, hat der private Verbrauch mit einer Zunahme von rd. 9 v. H. mit der Steigerung der Verbrauchsgütererzeugung annähernd Schritt gehalten. Die Anpassung des Verbrauchs an die Erzeugung erfolgte zwar unter Preisdruck, aber die nachgebenden Preise bildeten wiederum auch eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß die Vorausdispositionen des Handels durch eine entsprechende Nachfrage des Endverbrauchers später gerechtfertigt wurden.

Auch die zukünftige Entwicklung des Masseneinkommens kann durchaus positiv beurteilt werden. Die steigende Beschäftigung in den Außenberufen, weitere Lohn- und Gehaltserhöhungen, die inzwischen stärker in Gang gekommenen Ausschüttungen des Lastenausgleichsfonds sowie die steigenden Sozialeinkommen werden gerade auf das Masseneinkommen einen fördernden Einfluß ausüben. Werden ferner die von der Bundesregierung geplanten steuerlichen Maßnahmen zur Vergrößerung des verfügbaren Einkommens durchgeführt, so ist auch bei anhaltend hoher Sparneigung der privaten Haushalte anzunehmen, daß der private Verbrauch im Laufe dieses Jahres weiter steigen wird.

Der entscheidende Beitrag, den die Verbrauchsgütererzeugung im Rahmen einer weiter zu erstrebenden Mengenkonjunktur für die Aufrechterhaltung bzw. normale Erweiterung des bisher erreichten hohen Niveaus der industriellen Gesamterzeugung in Zukunft leisten kann, setzt allerdings voraus, daß keine Hemmungen von anderer Seite die gegebenen innerwirtschaftlichen Vorausetzungen einer Verbrauchsgüterkonjunktur stören oder zunichte machen. Die möglichen Gefahrenpunkte für derartige Hemmungen liegen zweifellos in der Außenwirtschaft. Es hat den Anschein, daß die westdeutsche Ausfuhr ihr in 1952 erreichtes Niveau von 1,4 Mrd. DM (Monatsdurchschnitt) im laufenden Jahr kaum oder jedenfalls nur unter erschwerten Bedingungen erreichen wird. Die Unterschreitung des Vorjahrsdurchschnitts im Januar/Februar d. J. mit einem Durchschnitt von rd. 1,25 Mrd. DM ist zwar keineswegs besorgniserregend, aber unter Berücksichtigung der in der westlichen Welt bisher anhaltenden Investitionsschwäche und der offensichtlich immer noch starken Neigung der konjunkturell führenden Länder, ihre Ausfuhr zu fördern und ihre Einfuhr zu beschränken, kommt diesem Rückgang doch eine gewisse symptomatische Bedeutung zu.

Der Exportanteil an dem von Doppelzählungen bereinigten Nettoabsatz der westdeutschen Industrie ist seit 1949 von rd. 8,5 auf rd. 20 v. H. in 1952 gestiegen. Die erhebliche Bedeutung dieses ständig gewachsenen Anteils kommt nicht nur in der erhöhten weltwirtschaftlichen Verbundenheit, sondern auch in der stärkeren Abhängigkeit der westdeutschen Wirtschaft von den Schwankungen der internationalen Konjunktur zum Ausdruck. Setzt man ferner den heute erreichten Exportanteil von 20 v. H. mit dem ebenfalls knapp 20 v. H. betragenden Anteil der inländischen Anlageinvestitionen (ohne Bau) an der industriellen Gesamterzeugung in Beziehung, so zeigt sich, daß die konjunkturelle Rolle der westdeutschen Ausfuhr für die Gesamterzeugung der konjunkturellen Bedeutung der inländischen Anlageinvestitionen nicht nachsteht, sondern. daß beide gleichgewichtige Faktoren des wirtschaftlichen Fortschrittes sind.