Die Gedächtnisausstellung in den Niederlanden

Von Martin Rabe

Den Haag, im April

Die Niederlande feiern den 100. Geburtstag ihres großen Sohnes Vincent van Gogh durch eine Ausstellung, die augenblicklich in Gemeentemuseum van’s Gravenhage zu sehen ist. Von den Werken, die hier gezeigt werden, stammt die Mehrzahl aus zwei Sammlungen, der des Ingenieurs V. W. van Gogh, die normalerweise als Leihgabe dem Stedelijk-Museum in Amsterdam anvertraut ist, und aus dem Rijksmuseum Kröller-Müller in Otterlo. Die Ausstellung wird von den Haag weiter nach Otterlo gehen (21. Mai bis 19. Juni), wo sie durch dort verbliebene Bestände vermehrt werden soll, und dann abschließend im Stedelijk-Museum in Amsterdam zugehen sein (24. Juli bis 20. September). Hier wird zum zeitgeschichtlichen Vergleich eine neue Vermehrung der Bilder erfolgen, nämlich durch Werke von Mitschülern und Freunden, zu denen immerhin so große Künstler wie Toulouse-Lautrec, Signac und Gauguin gehören.

An ausländischem Besitz, überhaupt an Bildern, die nicht zu den Sammlungen V. W. van Gogh und Kröller-Müller gehören, sind nur wenige in der Ausstellung zu sehen. So konnte es nicht ausbleiben, daß einige der schönsten und berühmtesten Werke fehlen. Dieser Mangel wird jedoch dadurch ausgeglichen, daß eines gelungen ist, nämlich lückenlos alle Phasen zu zeigen, die Vincent van Gogh in seinem Werk während der kurzen Spanne seines Künstlerlebens durchlaufen hat. Dies ermöglicht uns, einmal von den deprimierenden Erlebnissen, von denen wir aus seinem Briefwechsel mit dem Bruder Theo vieles wissen, abzusehen und uns vor die Zeugnisse seiner Kunst zu stellen, so als sollten wir aus ihnen ganz allein die Erschütterungen ablesen, die ihren Schöpfer schließlich zum Selbstmord trieben. Das Bild, das wir auf diese Weise gewinnen, ist nicht weniger erregend als jenes, das uns seine Briefe malen.

Ein neues Prinzip der Zeichnung

Die Ausstellung beginnt mit frühen Skizzenbüchern, mit Kopien nach Aktvorbildern (aus einer Mappe Exercises au Fusain, Goupil, Paris, 1871), mit denen werdende Maler damals – immerhin nach einer weit zurückreichenden Tradition – gequält wurden. Doch dann kommen die ersten Zeichnungen, die man als selbständig empfunden ansehen kann, aus den Jahren in den Haag und Nuenen (1881–1885). Und da fällt sofort eines auf: der Strich fährt nicht, wie wir es von anderen Malern seiner Zeit und vor ihm gewöhnt sind, gleichmäßig über die dargestellten Objekte, sie mit gleicher Umrißmanier oder Strichlage wiedergebend, vielmehr ändert er sich in Lage, Stärke, Form und Maßstab je nach dem, was er darstellen will. Ein abgeschrägter Sockel also, auf dem ein Gitter steht, hat erst eine senkrechte, dann eine schräge Strichlage; das Gitter wiederum – ein neues Material – hat im Strich auch einen neuen Maßstab, der es vom Sockel absetzt. Das klingt so, als ob es alles selbstverständlich wäre. In Wirklichkeit jedoch war dies eine ganz eigenartige und neue Art zu zeichnen. Da ist eine ausgeführte Federskizze "Hinter dem Schenkweg" aus den Haag vom Mai 1882, die in den Dächern, Hauswänden, Schuppen, Geräten, Brettern und Sträuchern einen solchen Reichtum an Maßstäben im Strich, eine derartige Variation von Strichlagen zeigt, wie man sie sich einfallsreicher kaum denken kann. Da ist aus Nuenen, vom Januar 1885, eine Allee im Schnee mit gekappten Weidenbäumen, bei der die dünnen, aufwärtsstehenden jungen Zweige mit einer gleichmäßig senkrechten Richtung und einem pointierten kleinem Abstand, der den Akzent gibt, auf die verkrüppelten Äste gesetzt sind, so daß ein harter Kontrast entsteht. Und da ist endlich, in schwarzer Kreide, ein aufrechtstehendes Garbenbündel, bei dem die Ähren an der Spitze der in ihrer Strichlage zusammen hochstrebenden Halme zum Kontrast ganz einfach durch Punkte dargestellt werden.