Zu viel Symbolik für ein Drama

Paris, Im April

Julien Green, der in Paris geborene Südstaaten-Amerikaner, Jahrgang 1900, ist einer der bekanntesten französischen Romanschriftsteller. Mit seinem Dutzend seit 1926 veröffentlichter Werke wird er, den seine Mutter wegen seiner miserablen Schulzeugnisse als "Monsieur Zéro" anzureden pflegte, als einer der großen Schriftsteller unseres Jahrhunderts bezeichnet. Unter seinen Förderern finden sich so gegensätzliche Persönlichkeiten wie André Gide und François Mauriac. Er ist Mitglied der Kgl. Belgischen Akademie und wurde 1951 mit einem bekannten Literaturpreis ausgezeichnet für den "ganz neuen Ton, den er in die französische Literatur brachte".

Eine Mystik der Angst, des Undefinierbaren, Unbestimmten, Übernatürlichen, stets religiös bedingt, beherrscht seine Werke. "Angst haben ist eine der geheimen Freuden der Kindheit, und diese reicht oft hinein bis weit ins Erwachsenenalter."

Green ist strenggläubiger Katholik. Was ihn nicht hinderte, vierundzwanzigjährig, in einem "Pamphlet an die Katholiken Frankreichs" gegen das starre Dogma und die Routine gewordene Religionsübung zu wettern. Neben Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch lernte er Hebräisch, weil ihm die Übersetzung des Alten Testamentes in all diesen Sprachen als viel zu ungenau nicht genügte. Der Bühnenleiter Louis Jouvet, beeindruckt von seinem starken Sinn für Dialoge und dramatische Spannungen, riet ihm, ein Drama zu schreiben. "Ich gestalte meine Figuren, und sie machen meine Romane" – erklärte Julien Green einmal. Und so schrieben offenbar seine Figuren das Drama "Sud", das jetzt das Théâtre Athénée in Erfüllung der vom inzwischen verstorbenen Louis Jouvet eingegangenen Verpflichtung zur Uraufführung brachte.

Das gesamte literarische Frankreich erwartete mit Spannung diese Premiere. Aber es scheint nicht so einfach, Unaussprechbares von der Bühne her verständlich zu machen.

Die Nacht zum 11. April 1861, eben vor dem ersten Kanonenschuß, der den ersten totalen Krieg auslöste, den amerikanischen Sezessionskrieg, bestimmt die Zeit, der prunkvolle Wohnraum eines reichen Plantagenbesitzers in den Südstaaten, eine Welt des Luxus und der Frivolität dicht neben religiöser Erleuchtung bestimmt den Schauplatz für die dramatischen Gefühlsspannungen und -verwirrungen. Eben vor Kriegsausbruch begegnen sich hier nicht bloß Nord und Süd, sondern auch die persönlichsten, nicht laut ausgesprochenen und darum um so gefährlicheren Leidenschaften, um ein tragisches Geschick zu erfüllen. Der Krieg gibt jedoch nur den Situationsuntergrund. Er diktiert nicht die Handlung.

Green will das gesteigerte Pathos einer verzehrenden Leidenschaft am Rande weittragender geschichtlicher Ereignisse und ihre "Klärung durch vehemente Befreiung" zeigen. Das ist jedoch nicht überzeugend gelungen. Was dem Roman sicherlich Farbe und Spannung verleiht, wirkt nicht mit gleicher Sicherheit im Drama. In den vier Akten spürt man ein mühsam in Bewegung gesetztes Räderwerk und vermißt die menschliche Wärme und Resonanz. Die Handlungsfäden verwirren sich, und schließlich läßt sich nur noch schwer herausfinden, wer wen liebt und wer wen nicht.

Zu viel Symbolik für ein Drama

Regina, die verarmte Nichte aus dem Norden, findet Zuflucht beim reichen Onkel der Großplantage des Südens. Zugleich kommt ein Freund des Hauses auf Urlaubsbesuch, der hübsche Leutnant Jan aus dem naheliegenden Fort der "Nordisten", Sohn eines polnischen Emigranten von 1848. Er ist "L’homme qui revient d’ailleurs", wie der Titel zuerst lautete. Regina haßt ihn, weil sie ihn liebt. Jan selbst ist in sträflicher Liebe entbrannt zu dem hübschen Sohn der Nachbarsfrau, Eric, dem Eheaspiranten des sechzehnjährigen Töchterchens des Hauses. Jan provoziert Eric. Säbelduell in der Mondnacht. Der Pole will sein Geschick erfüllt sehen: er verteidigt sich nicht und fällt. Er befreit sich von der unzulässigen Knechtschaft, in die ihn seine nicht einzugestehende Leidenschaft zu führen droht.

Eine Masse gut gezeichneter Episodenfiguren mit Vorgefühlen, Ahnungen, rätselhaften Prophezeiungen geben dem Handlungsgerippe die Fülle. Aber alle bewegen sich mehr auf der Linie des Intellekts als des Gefühls, selbst wenn sie sich ihre Gefühle eingestehen. Die Kapitalszene ist eine Art Beichte Jans, die dieser dem vierzehnjährigen Sohn des Hauses ablegt, weil dieser Junge noch nichts von der Sache versteht ...

Jean Mercure führte ausgezeichnet Regie und der meistbeschäftigte Pariser Bühnenbildner, Wakhéwitch, schuf dazu eine stimmungsvolle, schwüle Rotplüschdekoration. Regina war die bekannte Filmdarstellerin Anouk Aimée, eine Entdeckung Betti Sterns, die in Berlin einmal Elisabeth Bergner lancierte; Jan der sehr kultivierte Debütant Pierre Vanneck. Zu dem mit vielen rätselhaften Symbolen behängten Drama bemerkte ein bekannter Kritiker: trotz der ausgezeichneten und mit glühendem Eifer geschriebenen Studie des belgischen Pfarrers M. Möller, die ein ganzes Bündel von Schlüsseln zum besseren Verständnis von Greens pessimistischer Mystik beigesteuert habe, müsse er mit dem Ausdruck größten Bedauerns feststellen, daß er mit dem Drama nichts anzufangen wisse. Paul Ellmar