Von Julius Bab

New York ‚ im April

Da Tenessee Williams ein wirklicher Dichter ist, einer der zwei oder drei dramatischen Dichter, die die junge Generation in Amerika neben ziemlich vielen begabten Bühnenschriftstellern hervorgebracht hat, so gibt sein neu erschienenes Stück dieser dürren Spielzeit endlich noch (so kurz vor Toresschluß!) das künstlerische Gewicht, das sie so sehr entbehrte. Das nun am New Yorker Broadway gespielte Werk heißt "Camino real und macht auf eine ungewöhnliche Art Aufsehen. Von den acht Kritiken in den großen englischen Zeitungen, die das Leben dieser Elfmillionenstadt beherrschen, schrieb nämlich nur eine günstig über das Stück. Sieben ablehnende oder doch sehr skeptische Kritiken – das genügt sonst, um eine Bühnenarbeit in New York zum sofortigen Tode zu verurteilen. Aber diesmal wagt man es – ein schöner Beweis für die zu ungewöhnlichen Taten ermutigende Kraft wirklicher Kunst! –, das Stück zu halten; und zu seiner Verteidigung hat ein unabhängiges Komitee von Künstlern und Schriftstellern ein Sendschreiben verschickt, in dem es heißt: "Wenn ein ernsthaftes dramatisches Kunstwerk durch ein Wunder des Betriebs in dem öden Klima des zeitgenössischen Theaters auftaucht, so sollte nach unserm Dafürhalten das Publikum es kennen lernen!"

Die Leute haben ganz recht. Ob sie das Werk beim New Yorker Publikum werden durchsetzen können, steht dahin. Vielleicht gelingt es, eine "Mode" für das Stück zu schaffen – Mode ist ja etwas, was nur mit Erfolg und annähernd nichts mit Verständlichkeit und Wert einer Sache zu tun hat. Die Leute sind ja auch monatelang in Eliots "Cocktail Party" geströmt, von der sie überwiegend sicher kein Wort verstanden. Im Lande USA, wo man ja alle Stücke ausprobiert, ehe sie nach New York kommen, sind (nach Tenessee Williams eigenem Bericht) zahlreiche Zuschauer unter Protest aus dem Lokal entwichen. Für mich, der ich dies neue Bühnenwerk sehr schätze, ist das gar nicht erstaunlich. Ich entsinne mich, daß in Deutschland vor etwa dreißig Jahren, als man (drei Menschenalter nach dem Tode des Dichters) versuchte, Büchners "Leonce und Lena" zu spielen, es jedesmal einen kleinen Theaterskandal gab. Weshalb? Das Stück ist ja zu tiefst liebenswürdig – aber es hat diese märchenhafte Freiheit von jeder "Realität", die der Bürger am allerschlechtesten vertragen kann. Den handfesten Angriff eines voll realistischen Stücks auf seine eigenste Existenz erträgt er williger, als die Zumutung eines Dichters, ihm ins so fremde Reich seiner spielenden Phantasie zu folgen. Aber solche Zumutung liegt in "Camino Real tatsächlich vor.

"Camino Real" heißt ganz einfach "Königsweg". Der genaue Titel ist sogar "16 Blocks am Königsweg". Der Schauplatz ist,-wenn man es real nehmen wollte ‚eine mittelamerikanische Stadt zwischen Wüste und Ozean. Und da ist auf der Hauptstraße ein Platz: im Hintergrund eine halbzerfallene aber riesige Mauer aus der Spanierzeit, rechts ein hochfeines Hotel, links sehr verdächtige Vergnügungslokale und Eingänge in Armeleutequartiere. Aber man soll es nicht "real" nehmen! Denn dies alles ist nicht oder mindestens nicht nur Wirklichkeit! Der ausgezeichnete Regisseur Elia Kazan suggeriert uns das schon vor dem ersten Wort: da hocken Gruppen alter Weiber völlig unbeweglich, um später einmal mit einem Schrei auseinanderzufahren; da ist ein Vagabund, der von der Mauer (hinter der die Wüste ist) herunterklettert, am Brunnen linker Hand trinkt, aber wenn er sich dem feinen Hotel rechts nähern will, erscheint ein starrer Polizist und schießt, und der Mann steht noch lange aufrecht, spricht auch noch, dann fällt er plötzlich um und ist tot. Das alles ist keine Wirklichkeit, es ist Spuk. Aber was ist es nun?

Es ist, um es sehr kurz zu sagen, die Hölle, in der wir alle leben und der wir alle zeitlebens zu entfliehen suchen. Die Hölle aus Gier und Wollust, Gemeinheit, Betrug und Herzenskälte. Sie tummelt sich in hundert Gestalten auf diesem Platz. Der zynische Betrachter, der Hotelwirt, macht eine Art grimmigen Chorus; von links dominiert ein anreißerisches Zigeunerweib, deren vielbegehrte Tochter "bei jedem Vollmond wieder Jungfrau" wird. Und in der Mitte stehen die Menschen, die ihr besseres Teil aus diesem Tumult der gewalttätigen Unzucht retten möchten: Ein junger Amerikaner, vormals Preisboxer, jetzt herzkrank – sie machen ihn mit Gewalt zum Clown ihres Fastnachtspiels –, und später, wenn die Tochter der Zigeunerin ihre Reize spielen läßt, stirbt er am Herzschlag. Da ist ein junger Dichter – weltliterarische Namen schmücken Williams Spiel –, und dieser heißt Byron! Er ist der einzige, der entkommt, er wagt es, durch die Wüste jenseits der großen Mauer zu gehen. Da ist ein vornehm aber mittellos alternder Abenteurer, der Casanova heißt. Er hat mit der "Dame der Legende" (die auch die "Cameliendame" ist) eine sehr strindbergsche Szene voll Liebeshaß und wird auf dem wüsten Karneval des Camino real zum Hahnreikönig gekrönt. Und die Dame selbst möchte in einem Flugzeug fliehen, aber sie kommt zu spät, es geht ohne sie ab, sie bricht verzweifelt zusammen ...

Das alles ist gewiß sehr düster. Aber es wäre "depressiv" ja nur, wenn es wirklich wäre, hier ist alles ineinandergleitenden Traum. Die Zimmerwirklichkeit, in der sich ein so großer Teil der amerikanischen Bühnenproduktion sonst abstumpft, ist in jedem Moment aufgehoben. Die Figuren treten ungeniert an die Rampe und reden mit dem Publikum, Szenen von Flucht und Verfolgung rasen mitten ins Parkett. Und alle paar Minuten wird der Stundenwechsel in der Caminoreal-Hölle angekündigt. Die Aufheiterung am Schluß ist freilich sehr fragwürdig: da kommt der alte Landstraßenveteran, der Don Quixote heißt, und führt den jungen Amerikaner wirklich über die Mauer in die Freiheit, aber wir mögen nicht vergessen, daß das doch nur der Geist des herzkranken Preisboxers ist! Ihn selber haben ja schon die "Straßenkehrer" abgeholt und die Ärzte seziert! Und wenn sich schließlich Casanova und die Kameliendame friedlich zum Frühstück vor der Hotelterrasse niedersetzen, so ist auch das, bei Licht besehen, kein Friedensidyll. Ihn hat man ja schon wegen Zahlungsunfähigkeit aus dem feinen Hotel exmittiert und sie ist ja nun doch in der Camino-Hölle gefangen ... Wer sich an die Vorgänge hält, empfängt wenig Trost. Aber ein Kunstwerk wächst ja aus doppeltem Keim – nicht das Gestaltete allein, die Kraft, mit der gestaltet ist, wirkt auf uns. Und in der liegt auch hier das Tröstende. Der dichterische Flug, mit dem Williams in überstürzenden Gesichtern die Trostlosigkeit dieser Hölle malt, ist das Tröstliche. Denn er ist ein Dichter ... und wenn die Ergüsse des "Byron" oder der "Cameliendame" vielleicht durch ihre Länge die dramatische Bewegung zu sehr aufhalten, sie sind doch voll echter lyrischer Kraft, und so großartige Prägungen, groteske und ergreifende, tauchen auch im Vorbeisturz der Traumgesichte immer wieder auf.

Die Darstellung durch den Regisseur Cazan ist vorzüglich, und dies ganze Werk sollte doch auch eine Zuschauerschaft, die viel zu sehr gewöhnt ist, Bühnendichtung als etwas Wirkliches "verstehen" zu wollen, in das Bereich seines überverständigen Zaubers ziehen können.