Über die jüngste Baisse-Reaktion des amerikanischen Aktienmarktes schreibt uns Dr. H. Martell vom Deutschen Institut für Wirtshaftsforschung, Berlin:

Die amerikanische Effektenbörse pflegt auf erwartete Änderungen der internationalen Konjunktur schneller und vielfach auch stärker als die westeuropäischen Wertpapiermärkte zu reagieren. Die jüngsten politischen Ereignisse haben zu starben Einbrüchen in das Kursniveau des amerikanischen Aktienmarktes geführt. Die gleichen weltpolitischen Faktoren haben demgegenüber an den Resonanz gefunden. Auch hier – so in London und Paris – gingen die Aktienkurse zwar zurück, aber von dem Rückgang wurden in erster Linie internationale Werte betroffen. In der Kursgestaltung der einheimischen Aktien wurden die "Friedensaussichten" als Baisse-Faktor mit sehr viel größerer Zurückhaltung oder – wie an der Schweizer Börse – überhaupt nicht registriert.

Dem vermeintlichen Paradoxon, daß der erhoffte und nunmehr anscheinend in greifbarere Nähe gerückte Frieden von der USA-Börse vorerst mit Kursstürzen willkommen geheißen wird, liegen jedoch gerade in den USA wesentliche ökonomische Faktoren zugrunde.

Die unmittelbare Ursache der jüngsten Baisse-Bewegung am US-Aktienmarkt, nämlich die Furcht vor der Überleitung einer auf hohen Touren laufenden Rüstungswirtschaft auf den zivilen Bedarf, ist insoweit auch keineswegs Ausdruck eines nur spekulativen Börsenmanövers, sondern ein Symptom dafür, daß das konjunkturelle Problem der Umstellungsschwierigkeiten auch im Bewußtsein der breiteren Öffentlichkeit der USA an Aktualität gewonnen hat. Ob diese Vorausdiskontierung zukünftiger Umstellungsschwierigkeiten in der gegenwärtigen Kursgestaltung sich nachträglich als berechtigt erweisen oder ob sich im Rahmen einer weiter stabilen konjunkturellen Entwicklung der USA-Wirtschaft die jetzige Baisse-Reaktion des amerikanischen Aktienmarktes als einer von vielen Irrtümern des Kursbarometers herausstellen wird, kann erst die Zukunft lehren.

Eine andere und in diesem Zusammenhang allein interessierende Frage ist jedoch, ob weitere Faktoren – unabhängig von den vorgenannten Gründen – in der Kursgestaltung des amerikanischen Aktienmarktes als Baisse-Elemente bereits wirksam geworden sind oder der Tendenz nach in Zukunft wirksam zu werden drohen. Zu diesen möglichen Faktoren gehören das bisher erreichte durchschnittliche Kursniveau, ferner die Relation zwischen dem durchschnittlichen Kursniveau der Aktien und den Nettogewinnen der Unternehmungen und schließlich die Spanne zwischen Aktien-und Obligationenrendite.

Das bis zum jetzigen Einbruch erreichte Kursniveau des Aktienmarktes der USA war ungewöhnlich hoch. In den letzten Wochen und Monaten hatte sich das Verhältnis zwischen Kurs und Reingewinn je Aktie weiterhin zugunsten eines überhöhten Kurses und zu Lasten des Gewinnes verschoben. Schon seit dem Mitte 1949 einsetzenden und – von geringfügigen Einbrüchen abgesehen – ununterbrochenen Kursanstieg der Aktien hatten die Aktienkurse wiederholt die Fühlung mit dem Reingewinn verloren. Ein verhältnismäßig enger Zusammenhang zwischen Reingewinn und Aktienkurs bestand noch von Mitte 1949 bis zum dritten Vierteljahr 1950. Um die Jahreswende 1950/51 wurde dagegen der spekulative Hausse-Impuls so kräftig, daß die Aktienkurse schneller als die Gewinne stiegen. Erst im Frühjahr 1951trat wiederum eine Anpassung der Kurse an die bereits seit geraumer Zeit sinkenden Erträge der Kapitalgesellschaften ein. In der zweiten Hälfte 1951 folgte dann wieder ein starker, aber kurzfristiger Kursanstieg. 1952 flachte sich die Kursbewegung gegenüber den Vorjahren zwar ab, aber nach den Erhebungen des Department of Commerce waren die Durchschnittskurse der an der New Yorker Börse gehandelten Stammaktien gegenüber dem Vorjahr wiederum stärker gestiegen als die Gewinne (12,6:1 in 1952 gegenüber 10,6:1 in 1951). Da diese Entwicklung von Kursen und Gewinnen sich zunächst auch in den ersten Monaten dieses Jahres fortgesetzt hatte – unterbrochen von leichteren Kursabschwächungen infolge Liquidationsverkäufen vor dem Steuertermin Anfang März – war eine Kurskorrektur nach unten auch ohne den Sonderfaktor des antizipierten Friedens an sich fällig und berechtigt.

Als weiterer latenter Baisse-Faktor für die Kursentwicklung auf dem US – Aktienmarkt wirkt ferner die in der Tendenz seit geraumer Zeit steigende Rendite der Obligationen und Staatsbonds. Solange die Aktienrendite in einem dem erhöhten Risiko der Aktie Rechnung tragenden Verhältnis zur Rentenrendite steht, ist der Abfluß der Mittel vom Aktien- zum Rentenmarkt gering. In den USA schwankte die Aktienrendite in den letzten Jahren zwischen 3 und 8 v. H. Die Spanne gegenüber der Rentenrendite betrug hierbei im Höchstfall etwas mehr als 4 v. H. Von diesem Höhepunkt (2. Hälfte 1949) ist die Aktienrendite bei, stetiger Aufwärtsentwicklung der Kurse und relativ stabilen Dividenden heute im Durchschnitt auf weniger als 5 v. H. zurückgegangen. Die Rentenrendite ist dagegen von rund 3 v. H. Ende 1952 auf 3,18 v. H. gestiegen. Auch wenn im Rahmen einer nicht durch Sonderfaktoren beeinflußten Entwicklung diese Relation zwischen Aktien- und Rentenrendite noch keinen Anlaß zur Abwanderung von Mitteln vom Aktien- zum Rentenmarkt bieten würde, so ist bei der jetzt bestehenden Unsicherheit in der Beurteilung der zukünftigen wirtschaftlichen Lage und bei dem vergrößerten Risiko des Aktienbesitzes die Gefahr der Abwanderung und damit auch die Möglichkeit von Kurseinbrüchen auf dem Aktienmarkt größer geworden.