Der Bundesparteitag der CDU – er ist, während diese Zeilen geschrieben wurden, noch nicht abgeschlossen – wird von einer politischen Hochstimmung getragen. Der Erfolg des Kanzlers in Amerika ist das politische Kapital, mit dem man die Grundlage für den erwarteten Wahlerfolg schaffen beziehungsweise verbreitern will. War es bei der vorigen Bundestagswahl noch der Name Erhard, auf den man sich in der Wahlschlacht vor allen anderen als Kronzeugen für die Richtigkeit des eigenen Handelns berief, so tritt jetzt der Name des Kanzlers an die erste Stelle. Daß daneben der Künder und Verfechter der "sozialen Marktwirtschaft" nach wie vor ein, wie man hofft, breite Wählerschichten elektrisierendes Renommee hat, bewies der minutenlange spontane Applaus, den der Parteitag dem anwesenden Bundeswirtschaftsminister brachte. Aber die Voraussetzung für diesen wirtschaftlichen Erfolg erblickt man in der konsequenten Politik des Kanzlers.

Einer der am häufigsten wiederholten Vorwürfe der Opposition gegen den Kanzler und seine Partei richtet sich gegen die Integrationspolitik. Sie verhindere oder erschwere wenigstens die Wiedervereinigung Deutschlands. Hier setzte auf dem Parteitag eine massive Gegenoffensive ein. Ehlers, Brentano, vor allen der Kanzler, beschworen leidenschaftlich die Verbundenheit mit den deutschen Brüdern in der Sowjetzone. Der Kanzler kehrt nun unter Berufung auf die Zusagen im Weißen Haus die ihm entgegengehaltene Argumentation um. Nur die Politik der Stärke und damit der Integration biete die Gewähr für die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit. Soweit es hier Zweifel an der Haltung der beiden anderen westlichen Alliierten gegeben haben mochte, das Washingtoner Kommunique und die programmatische Rede Eisenhowers vor dem Zeitungsverleger-Verband haben, so argumentiert man, solchen Auslegungsversuchen jede Grundlage entzogen. Das ist einer der Haupttrümpfe, die manim Wahlkampf ausspielen wird.

Auf dem Hamburger Parteitag trat ein starkes politisches Kraftbewußtsein zutage. Stünde die Bundestagswahl unmittelbar bevor, dann hätte die CDU ein politisches Klima, wie es für sie kaum günstiger sein könnte. Innerlich ist die Partei trotz Meinungsverschiedenheiten und persönlicher Rivalitäten, die in einer so großen Partei nicht ausbleiben können, fest geschlossen. Nicht die CDU, der man das Auseinanderbrechen so oft prophezeit habe, sei auseinandergefallen, sondern "andere Parteien hätten sich mit Richtungskämpfen und Auseinandersetzungen ihrer Flügel zu beschäftigen", resümierte der Bundestagsabgeordnete Tillmanns. Die beiden Konfessionen seien sich jetzt ihrer gemeinsamen christlichen Verantwortung im Politischen bewußt. Das sei für den evangelischen Volksteil nicht ebenso selbstverständlich, wie für die Katholiken, bemerkte Tillmanns.

Der Wahlkampf wird, obwohl das Bundestagswahlgesetz noch nicht vorliegt, auf die Fortführung der bisherigen Koalition gerichtet sein. Daran ließen der Kanzler und eine Reihe anderer Sprecher keinen Zweifel. Trotzdem distanziert man sich – schließlich muß man sich in irgend etwas auch von seinen Bundesgenossen unterscheiden – von den "säkularen Freiheitsbegriffen" der beiden anderen Koalitionsparteien. Für die CDU könne es keine andere tragfähige Grundlage ihres politischen Handelns geben als "die Verantwortung vor dem Worte Gottes". Ein aus dem Freiheitsbegriff der französischen Revolution gewachsener Liberalismus sei für sie, formulierte Ehlers, "keine tragfähige Grundlage ihres politischen Weges". Aber man fühlt sich – Wuermeling sprach es klar aus – unter den gegebenen Umständen auf die Bundesgenossenschaft mit den beiden anderen Koalitionsparteien angewiesen, und zieht sie der Koalition mit der SPD vor. Die Ziele sind also klar: Fortsetzung der Innen- und Außenpolitik sowie des bisherigen Wirtschaftskurses, gestützt auf die Parteien der "Kleinen Koalition". Auch im Falle einer internationalen Entspannung, die der Kanzler jetzt für weniger unwahrscheinlich hält, als man es früher aus seinen Äußerungen Schließen mußte, glaubt Dr. Adenauer zunächst weiter auf der bisherigen Regierungsgrundlage operieren zu können. Eine Neutralisierung Deutschlands lehnt er entschieden ab. Für ihn steht es außer Zweifel, daß auch das wiedervereinigte Deutschland mit dem Westen zusammengeschlossen werden müßte, und zwar auch militärisch. Auf eine ausdrückliche Frage fügte er hinzu, natürlich könne keine Regierung eine frei gewählte gesamtdeutsche Regierung präjudizieren, (was sich auch aus dem Generalvertrag ergibt).

Deutlich wurde auf diesem Parteitag sichtbar, wie stark der Bundestagspräsident und zweite Parteivorsitzende Ehlers in den letzten beiden Jahren in den Vordergrund gerückt ist. Daß er auch weiter eine vielleicht wachsende Rolle in der Partei spielen könnte, halten die meisten Beobachter für wahrscheinlich. Robert Strobel