Von Walter Schneider

Als der Vizepräsident der Vereinigten Staaten den Kanzler Dr. Adenauer auf amerikanischem Boden begrüßte, erinnnerte er an den General Steuben als den ältesten Zeugen für deutschamerikanische Freundschaft und für die Verdienste Deutscher um die Entwicklung Amerikas.

Nur wenigen Deutschen ist heute der General Friedrich Wilhelm von Steuben ein lebendiger Begriff. Warum auch? Er war ja einer jener unzähligen Landsleute, die jenseits des Ozeans eine neue Aufgabe suchten und damit für die Heimat "verlorenes Gut" wurden.

Aber er war einer der wenigen überragenden Amerika-Deutschen, die ihr Volkstum nicht aufgaben oder – wie heute so oft – verlästerten. Er blieb Deutscher, obwohl er doch auch ganz Amerikaner wurde. Mit Washington zusammen schuf Steuben für die junge Republik das Instrument zur Erringung ihrer Unabhängigkeit. Er wurde der Scharnhorst der amerikanischen Armee.

Der mit viel Begeisterung begonnene Kampf der "Kontinentalarmee" unter Washington, zuerst nach Art der Indianerkriege nicht ohne Erfolg geführt, war nach einigen bösen Rückschlägen im Winter 1777/78 in ein sehr bedenkliches Stadium getreten. New York und Philadelphia waren in der Hand der Briten, und den Zustand der Truppen, die Washington im Winter- und "Elendslager" von Valley Forge zur Verfügung hatte, kann man kaum zu schwarz schildern. Der anfängliche Enthusiasmus hatte kleinmütigem Egoismus Platz gemacht, die Truppe war demoralisiert. "Die Wege der Milizen", schrieb Washington, "sind wie die der Vorsehung unerforschlich. Heute kommen sie und morgen gehen sie wieder." Noch schlimmer war der Geist des sogenannten Führerkorps; die unteren Offiziere nach des Feldherrn bitterem Urteil uniformierte Schuhputzer". Die Niederlage bei Brandywine verschuldete ein Divisionsgeneral, weil er plötzlich auf dem "bevorzugten rechten Flügel" kämpfen wollte, und im Gefecht von Monmouth ging General Lee aus Trotz in einer an Verrat grenzenden Weise zurück.

Aus diesem chaotischen Menschenknäuel eine kampffähige Truppe zu bilden, unternahm Friedrich Wilhelm von Steuben im Februar 1778. "Allein, um den so edlen Kampf für das Recht und die Freiheit zu kämpfen", wie er dem-Kongreß schrieb, trat er in den Dienst des amerikanischen Volkes.

Steuben ist ein Kind des Feldlagers und des friderizianischen Preußentums. Am 15. November 1730 als Sohn eines Ingenieurhauptmanns in Magdeburg geboren, begleitete er schon als vierjähriger Junge den Vater nach Polen und der Krim und nahm als vierzehnjähriger Freiwilliger an der Belagerung Prags teil. Im Siebenjährigen Kriege lernte er als Adjutant des verwegenen Freikorpsführers Jan von Mayr den Kleinkrieg gegen irreguläre Truppen wie Panduren kennen, durchmaß also die doppelte Schule der Plänkertaktik wie der großen systematischen Kriegsführung. Denn, bei Prag und Kunersdorf verwundet, kam er als Stabskapitän und Flügeladjutant in die nächste Nähe Friedrichs, nahm aber bald nach dem Friedensschluß aus persönlichen Gründen seinen Abschied. Als Hofmarschall des Fürsten von Hohenzollern-Hechingen nahm er, nicht nur die äußeren Formen, sondern auch den inneren Gehalt der Bildung seiner Zeit in sich auf und wurde in Paris durch den Grafen Saint’ Germain für die Sache der Amerikaner gewonnen. Er kam nicht, wie der jugendliche Lafayette, mit dem politischen Rückhalt des Vertreters einer starken, bündnisfähigen Nation in das Land. Über See war der Staat Friedrichs machtlos. Ohne bestimmte Garantien zu erhalten, trat er, bei seiner Ankunft lebhaft vom Kongreß begrüßt, in dessen Dienste. Und der Kongreß übertrug ihm das aus Mißtrauen gegen Washington geschaffene Amt eines "Generalinspekteurs der Armee", eines den Feldherrn kontrollierenden Agenten der Regierung, dessen Tätigkeit, wie wir nach den Erfahrungen des letzten Krieges von allen Nationen wissen, die Vernichtung ehrlichen Soldatentums werden, kann. Es ist ein Beweis für die Lauterkeit der Gesinnung beider Männer, daß aus dem Aufpasser der treuste Gehilfe, aus dem mißtrauischen Feldherrn der vertrauende, Freund wurde, der keine entscheidende Tat unternahm, ohne Steuben um Rat zu fragen.