Von Günther Freiherr von Pechinann

Als der Rat für Formgebung, den der Bundeswirtschaftsminister gemäß einem Beschluß des Bundestages gebildet hatte, im Herbst v. J. zum ersten Male in Bonn zusammengetreten war, hielt ein führender Industrieller, ein kluger und besonnener Mann, eine kurze Ansprache, in der er daran erinnerte, daß schon in den Anfängen der industriellen Entwicklung der Ingenieur das Bestreben gezeigt habe, seine Werke nicht nur brauchbar, sondern auch schön zu gestalten. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts habe man zum Beispiel Pumpwerke gebaut, deren Achsenlager von dorischen Säulen getragen wurden ...

Diese Äußerung bewirkte bei einigen Zuhörern verdutzte und überlegen lächelnde Gesichter. Wie konnte der Redner auch eine derartige Verirrung als Beweis für das Schönheitsstreben des Ingenieurs anführen! Eine Maschine auf gußeisernen Säulen von antiker Form!

War es denn wirklich eine Verirrung, an die der Redner in seiner Ansprache erinnerte? Sind nicht jene, uns heute absurd erscheinenden architektonischen Stilformen an alten Maschinen ein sprechender Beweis dafür, daß man vor 150 Jahren noch die Baukunst als die Mutter aller Künste‚ auch der Ingenieurkunst, ansah? Der Einfluß klassizistischen Formwillens war damals auf allen Schaffensgebieten, im Eisenguß wie im Möbelbau, in allen gewerblichen Künsten und in den Schöpfungen des Ingenieurs zu spüren. Auch die Stilnachahmungen, die auf die Epoche des Klassizismus folgten, überwucherten oft die technische Form: der erste Telefonapparat, in den der deutsche Kaiser sprach, zeigte reich vergoldete Rokokoformen.

Es ist eine einschneidende Wandlung in der Geschichte des menschlichen Formwillens, wie sich die Erkenntnis durchsetzt: die moderne Technik wirft völlig neue Gestaltungsprobleme auf; der Apparate- und Maschinenbau hat seine eigene, immanente Formgesetzlichkeit. Die junge Generation der Jahrhundertwende begeistert sich für die Schönheit der stählernen Brücke, der Lokomotive, die nächste Generation für die Schönheit des Autos und des Flugzeugs. Heute gibt es kaum noch ein Gebiet technischen Schaffens, auf dem sich der Ingenieur nicht als künstlerischer Gestalter erweist oder sich mit dem Künstler zur Lösung neuer technischer Gestaltungsprobleme verbündet.

In allen Kulturländern wird die wirtschaftliche und kulturelle Wichtigkeit der Aufgabe erkannt, Erzeugnisse der Industrie nicht nur technisch meisterhaft, sondern auch formvollendet zu gestalten. In England wurde (während des Krieges!) durch die Regierung der "Council of Industrial Design" errichtet, als beratende Stelle für Industrie und Regierung in allen Fragen der industriellen Formgebung, der Deckung des öffentlichen Bedarfs, der Vorder Heranbildung eines Nachwuchses von Gestaltern. Zu seinen Aufgaben gehört, die Bildung der Verbraucher, die durch Wanderausstellungen mit Kursen und Vorträgen gefördert wird. In Frankreich war es Jaques Viénot, der zu Beginn 1951 das Institut d’Esthétique Industrielle" gründete, eine Einrichtung, die durch den Zusammenschluß einsichtiger Industrieller zustande kam. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, die Exportfähigkeit französischer Industrieprodukte durch die beste technische und formale Gestaltung zu fördern und die Freude der Schaffenden an ihrem Werk zu steigern.

In Deutschland war es der "Bundesverband der Deutschen Industrie", der die erste praktische Folgerung aus der Einsicht zog, daß nach der langen Abschnürung Deutschlands vom Weltmarkt und nach den geistigen und wirtschaftlichen Verheerungen zweier Jahrzehnte neue Wege beschritten werden müssen, um der deutschen Arbeit wieder den alten und guten Ruf in der Welt zu gewinnen. Er bildete im Dezember 1951 den "Arbeitskreis für industrielle Formgebung dem zwanzig der größten Fachverbände angehören. Er führt Unternehmer und Gestalter zusammen, ermöglicht Aussprachen, vermittelt Anregungen und sucht eine zeitgemäße Ausbildung des Nachwuchses zu erreichen. Ausstellungen vorbildlicher Erzeugnisse sind dank seiner Mitwirkung bereits zustande gekommen. ("Mensch und Technik") in Darmstadt und die "Sonderschau" in Hannover.)