Von unserem Korrespondenten

R. S. Bonn, im April

Die plötzliche Verschiebung des Bundesparteitages der FDP war auch für diejenigen eine Überraschung, die von den Divergenzen in der Partei eine recht gute Kenntnis haben. Offenbar war die Gefahr, daß die Gegensätze in Lübeck noch krasser vor der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden könnten, als es schon in Bad Ems der Fall war, so groß, daß die Parteileitung dieses Risiko nicht auf sich nehmen wollte. Dieser Parteitag hätte die Richtlinien für den Wahlkampf festlegen sollen. Aber gerade das erschien bei den bestehenden Meinungsverschiedenheiten kaum möglich. In Bad Ems hatte man sich zwischen den gegnerischen Fronten mit einem Verlegenheitsbeschluß durchgeschlängelt, an dessen Durchführbarkeit schon damals niemand glaubte. Es erhielt nämlich ein Ausschuß den Auftrag, aus dem von dem Hamburger Landesverband entworfenen "Liberalen Manifest" und dem aus Nordrhein-Westfalen stammenden "Deutschen Programm" ein neues Parteiprogramm zu kombinieren.

Einig war und ist man sich, gerade noch in der Ablehnung des Klerikalismus, aber schon nicht mehr in der Stellungnahme zur Sozialdemokratie. Für Middelhauve ist sie der Feind schlechthin, für Reinhold Maier ein koalitionsfähiger Partner. Für eine Ausweitung der Partei sind zwar beide. Welche Partei würde sich auch nicht in einer bevorstehenden Wahlschlacht ausbreiten wollen! Grundverschieden sind aber die Auffassungen über die Mittel, die dabei angewendet werden sollen. Für den Vorstoß in das Wählerreservoir der abseits stehenden ehemaligen. Bevölkerungsgruppen sind auch die unbezweifelbar liberalen Repräsentanten der Partei: die Blücher, Schäfer, Dehler, Maier, Mende... Aber sie wehren sich gegen den Führungsanspruch derer, die nicht zu den Verführten, sondern zu den Mitverführern Hitlers gehört haben. Von dieser Unterscheidung wollen Middelhauve und seine Hintermänner nichts wissen. Ihnen genügt offenbar das Bekenntnis, daß man jetzt ein echter Demokrat sei, um auch ehemals sehr aktive Nationalsozialisten in eine einflußreiche Vertrauensstellung aufzunehmen.

  • Dann kam die Naumann-Affäre. In der Partei tauchten Zweifel auf, ob die Behauptung, die Naumann-Clique habe zu führenden Persönlichkeiten der FDP Verbindungen unterhalten, nicht doch zutreffe. Es wurde ein Untersuchungsausschuß eingesetzt. Ihm gehören der Justiz- und der Wohnungsbauminister und der Abgeordnete Onnen an. Dieser Ausschuß soll prüfen, ob solche Verbindungen bestanden haben. Noch ist das Ergebnis der Untersuchung nicht bekannt. Es ist denkbar, daß man es abwarten will, bevor man den Parteitag einberuft. Es könne sein, daß die Situation dann anders wäre als in Bad Ems, daß die Offensive dann von der anderen Seite ausginge. Vielleicht glaubt man, daß sich dann auch das "Liberale Manifest" besser gegen das "Deutsche Programm" wird durchsetzen können.

Eine wichtige Rolle in dieser Auseinandersetzung spielen die wirtschaftlichen Machtpositionen. Die höheren Schecks sind in Düsseldorf, nicht in Bonn oder Stuttgart. Aber es gibt in diesem Ringen auch Imponderabilien, In den nächsten Wochen wird sich herausstellen, ob der Druck der Tatsachen so groß sein wird, wie es offenbar von einem Teil der Parteiführung erwartet wird.