Autoren und Honorar

Die Zeiten sind vorbei, in denen sich der Kunstgenießer vorzustellen pflegte, daß alle Künstler eine so generöse Berufsauffassung hätten wie der Sänger in Goethes Ballade, der die ihm als Lohn angebotene goldene Kette zurückweist und auf dem für Verleger, Kunsthändler, Konzertdirektionen und Funk-Intendanzen paradiesisch idealen Standpunkt steht: "Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet." Seit etwa zweihundert Jahren sind in Europa die Künstler ein Berufsstand. Dichter, Maler und Komponisten müssen ihre Werke wie jede andere Ware, Musiker und Schauspieler ihr Können wie jede andere Arbeitskraft verkaufen. Und ganz allmählich haben die Nichtkünstler eingesehen, daß eine Gesellschaftsordnung, die auf dem Waren- und dem Arbeitsmarkt aufgebaut ist, die Künstler vor die Wahl stellt, entweder wirtschaftlich Selbstmord zu begehen oder kommerziell zu denken. Der Staat hat die Möglichkeit, die diese Lage für ihn bietet, erkannt, und die Künstler, soweit sie ihre Kunst als "freien Beruf" ausüben, zu Umsatzsteuerzahlern ernannt –, obwohl sie doch, anders als der Geschäftsmann, gar nicht in der Lage sind, von jedem ihrer Kunden Zahlung der Ware zu verlangen. Der Schriftsteller zum Beispiel hat unzählige Kunden, von denen er nie einen Pfennig sieht: die Benutzer der Bibliotheken und Leihbüchereien. Für einige tausend Mark, die ihm ein Museum für ein Bild zahlt, muß der Maler auf unbegrenzte Zeit Hunderttausenden gestatten, sich daran satt zu sehen. Und so weiter.

Der merkantilen Ausnutzung dieser prekären Situation sind im Laufe der zweihundert Jahre gewisse Schranken gesetzt worden. Es gibt das Urheberrecht, das bis zu fünfzig Jahren nach dem Tode des Künstlers sein Werk vor beliebiger Auswertung schützt. Es gibt Usancen im Verlagswesen und die Pflicht zur Gebührenzahlung bei Verbreitung von Kunstwerken durch Photographie oder Rundfunk; Nichts von alledem ist den Künstlern in den Schoß gefallen. Das meiste haben sie sich mühselig erstreiten müssen, indem sie sich organisierten –, die Musiker zum Beispiel in der heutigen GEMA, die die Aufführungstantiemen für sie einkassiert. Anderswo, etwa bei den bildenden Künstlern, herrscht noch die Fiktion des freien Marktes. Ein Bild kann beliebig oft den Eigentümer wechseln, ohne daß der Maler an den Gewinnen, die dabei erzielt werden, beteiligt wäre. Der Kaufpreis, den er selbst erhalten hat, verhält sich in nicht wenigen Fällen – und gerade bei sehr bedeutenden Künstlern – zu dem Preis, den der dritte oder vierte Eigentümer zahlt, wie der Trunk Wein, den Goethes Sänger empfängt, zu der goldenen Kette, die er verschmäht. –

Das französische Parlament wird demnächst einen Gesetzentwurf zu beraten haben, dem eine konsequentere Auffassung vom Urheberrecht zugrunde liegt. Er sieht unter anderem vor, daß der bildende Künstler an jedem Gewinn, der bei Weiterverkauf seines Werkes erzielt wird, prozentual zu beteiligen ist. Er sieht ferner vor, daß niemand einen Schriftsteller für ein Werk mit einer Pauschale abfinden darf. Mit anderen Worten: er nimmt dem Künstler ein Recht, von dem dieser bisher als schwächerer Partner des Warenmarktes nur allzuoft Gebrauch machen mußte: das Recht der wirtschaftlichen Selbstverstümmelung durch Verzicht auf Beteiligung an Gewinnen, die der Käufer (der Buchverleger, der Kunsthändler, der Musikalienverleger) späterhin erzielt.

Den umgekehrten Weg haben jetzt die deutschen Rundfunkanstalten eingeschlagen. Ein von ihren Justitiaren ausgearbeiteter neuer Verpflichtungsschein, den der Mitarbeiter unterzeichnen muß, wenn er in den Genuß seines Honorars kommen will, verpflichtet ihn, dem Käufer seines Werkes, also jeweils der abnehmenden Rundfunkanstalt, dieses nicht nur für jegliche Art "anderer rundfunkmäßiger Zwecke, auch wenn diese noch nicht bekannt sein sollten" (also etwa heute bereits für den plastischen Farb-Fernsehfunk einer noch fernen Zukunft) ohne Einspruchsrecht zu überlassen, sondern ihr auch für die Wiederholung auf der schon in nächster Zukunft in Betrieb zu nehmenden Langwelle die Zahlung des bisher üblichen Wiederholungshonorars von 50 vom Hundert des Honorars für die Ursendung bis auf eine Anerkennungsgebühr von 5 vom Hundert zu erlassen. Hier wird also dem Künstler durch die heute finanzstärkste Käufergruppe unzweideutig klargemacht, wie schwach seine Marktposition ist. Und die neue Regelung trifft ihn sogar gleich doppelt: während er – als Hörspielautor zum Beispiel – bisher für ein Werk, das bei der Ursendung Erfolg hatte, auf eine Wiederholung bei anderen Rundfunkanstalten (für je 50 vom Hundert des Urhonorars) rechnen konnte, beraubt ihn die Wiederholung auf der Langwelle, die im Unterschied von der Mittelwelle im ganzen Bundesgebiet störungsfrei zu empfangen sein wird, auch dieser Einnahmemöglichkeit. Denn welche Rundfunkanstalt wird dann für ihre Mittelwelle ein Hörspiel erwerben wollen, das ihre Hörer schon auf der langen Welle hören konnten?

Der französische Gesetzentwurf geht auf die Initiative von Berufsverbänden der Künstler zurück. Die deutschen Rundfunkautoren müssen sich zur selben Zeit gewerkschaftlich zusammenschließen (sie haben es zunächst in Hamburg getan), um zu verhindern, daß man einen Teil der goldenen Kette durch einen Trunk Wein abgilt. In Frankreich geht die Tendenz der Entwicklung auf wirtschaftliche Sekurität für die freiberuflichen Künstler und ihre Erben. In Deutschland geht die Marschrichtung umgekehrt, zurück zu dem Idealbild des Sängers, der sich an allem Wirtschaftlichen desinteressiert – "Ich singe wie der Vogel singt, der auf den Zweigen wohnet..." –, und jedes Honorar ablehnt: "Die goldne Kette gib mir nicht, / die Kette gib den Rittern, / vor deren kühnem Angesicht/der FeindeLanzen splittern." Den Schaden hat das Finanzamt. Denn Ritter zahlen keine Umsatzsteuer. C. E. L.