Von Wirtshäusern läßt sich viel erzählen, mit einem Wirtshaus zu beginnen ist immer ein guter Anfang, und auch diese Geschichte hier beginnt in einem Wirtshaus, und endet aber in einem Pfarrhaus, und sie nimmt ein gutes Ende, nicht jede tut das, so lustig ist das Leben nicht, das die Geschichten liefert.

In einer kleinen ungarischen Landstadt, in der viele deutschsprechende Bürger Besitz und Handelsgeschäfte hatten, gab es natürlich auch deutsche Wirtshäuser, wie denn nicht? – und in einer, "Zum weißen Lamm" genannt, diente eine Magd vierzehn Jahre lang treu und redlich, und wusch das Geschirr, und scheuerte die Stuben, und half der Wirtin in Küche und Keller, und war ihr unentbehrlich geworden, meinte die dicke Frau in der stets blütenweißen Schürze. So erschrak sie nicht wenig, als die Magd um ihre Entlassung bat: davor hatte sie sich immer gefürchtet! Sie sagte, die Magd, ihr Bruder brauche sie, der, es hatte lang genug gedauert, jetzt endlich eine kleine eigene Pfarre bekommen hatte, in einem Dorf, nur fünf Gehstunden entfernt von dem Dienstplatz der Schwester. Die Wirtin sah es ein, daß der Bruder den Vorzug habe, und mußte die Magd ziehen lassen. Sie zahlte ihr den Lohn aus, dessen größeren Teil sie seit Jahren bei dem Wirte sich hatte ansammeln lassen: er war ihre Sparkasse, sozusagen. Schon daraus erkennt man, daß die Geschichte vor langer Zeit sich ereignet haben muß, denn Mägde dieser Art gibt es nicht mehr heutigen Tages, oder nur mehr ganz selten. Es war, es ungefähr zu sagen, um das Jahr 1800, das ist eine schöne, runde Zahl, es kann aber auch ein Jahrzehnt früher gewesen sein. In der Gaststube legte die Wirtin der Scheidenden den Lohn auf den Tisch, in harten Gulden, ein stattliches Sümmchen, und die Wirtin gab noch fünf silberne Stücke dazu, weil sie immer so überaus zufrieden gewesen war mit ihr, und schenkte ihr auch einen silbernen Rosenkranz. Die Magd knotete das Geld und den Rosenkranz in ein Schnupftuch und tat das Schnupftuch in eine verborgene Tasche ihres Unterrocks, und dann gingen die zwei Frauen auseinander unter vielen Tränen, und der Wirt, der herzugekommen war, hätte fast auch geweint.

Die Magd machte sich zu Fuß auf den Weg, schritt munter und unbeladen aus, denn ihre wenige Habe sollte ein Knecht ihres Bruders nächstens abholen. Es war ein warmer Tag, und die Magd, ein hochgewachsenes Frauenzimmer mit einem schönen und zufriedenen Gesicht, freute sich aber auf ihr künftiges Daheim, und unter ihren Füßen wölkte der Staub, daran es in Ungarn nicht mangelt.

Nun war, es hatte niemand seiner geachtet, ein Kerl in der Gaststube gewesen, als die Lohnauszahlung stattgefunden hatte. Der war zu Pferde gekommen und ritt jetzt der Magd nach. Bei einem Wäldchen holte er sie ein. Er hatte einen langen, hängenden Schnauzbart, und ohne viel Umschweife sagte er, sie solle ihr Geld herausgeben, und dabei lachte er frech. Sie war nicht gewohnt, zu lügen, die Magd, es war Sünde, aber jetzt und hier schien es ihr vielleicht doch erlaubt, und also sagte sie, sie habe kein Geld. Der üble Kerl lachte nur wieder und sagte, sie solle keine Fisimatenten machen, und zerrte ganz widerwärtig an seinem Schnauzbart, als wolle er ihn sich ausreißen, und knirschte mit den Zähnen. Die unerschrockene Magd aber behielt Fassung und Besinnung, und während der Kerl damit beschäftigt war, sein von einem Bremsenstich unruhig gewordenes Pferd zu bändigen, warf sie schnell Geld und Rosenkranz, ungesehen von ihm, hinter sich in ein Gebüsch. Der Strauchdieb, auf dem wieder stillen Pferde, wurde jetzt sehr böse, und "heraus mit dem Zaster!" schrie er, und sie solle sich ausziehen, er werde das Geld schon zu finden wissen, wo sie es auch im Leibchen oder unter den Röcken versteckt haben möge. Und gleich stieg er ab und half ihr auf seine Weise beim Ausziehen, riß ihr die Kleider herunter, und Mieder und Hemd, und durchstöberte alles, und fand aber nichts, und hatte keinen Blick übrig für die nun nackt vor ihm Stehende. Die schämte sich sehr ihrer Blöße und ihres vollen weißen Busens; und unbekleidet zu sein vor einem Mann, auch wenn er sie nicht ansah, schien ihr größere Sünde, als gelogen zu haben. Der Wegelagerer nun, als er nichts und gar nichts fand, bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie jetzt nicht endlich herausrücke mit dem Gelde, und klopfte sich auf die Brust und sagte, hier habe er seine Pistole, und es war ihm anzusehen, daß er stracks Ernst machen würde. Da sagte die Magd: "dort hab ich’s hingeworfen" und zeigte auf das Gebüsch, und jetzt wurde der wüste Mensch wieder vergnügt und wies ihr die Zähne unter dem Schnauzbart und sagte: "Halt derweil mein Pferd!" Er gab ihr die Zügel, es zu halten, und kroch in das wilde Gebüsch hinein, und seine Husarenstiefel sahen komisch daraus hervor, und es blitzten die Sporen daran. Sie hörte ihn noch sagen: "Da ist es ja", als sie sich, Bauerntochter, die sie war, und mit Pferden vertraut, schon in den Sattel geschwungen hatte und auch schon davonsprengte.

Das gab nun freilich viel Verwunderns, als eine Frau, nackt wie Eva vor dem Sündenfall, die Dorfstraße daherritt, am hellen Tage, und die Bauernburschen blieben wie erstarrt stehen und rissen die Augen auf vor dem Anblick, den sie niemals vergaßen, denn schön war die Magd, wie gesagt, und herrlich und lustvoll zu betrachten.

Vor dem Pfarrhaus, neben der Kirche gelegen, und als solches gleich zu erkennen, hielt die Reiterin und sprang vom Pferd, und stürzte ins Haus, und öffnete im Flur die nächstbeste Tür und hatte Glück, es war des Pfarrers Schlafstube, zu der sie führte, und riß das Leintuch von dem Bett und hüllte sich darein. Dann rief sie laut ihres Bruders Namen. Der war gerade im Keller, wo er sich kühle Milch geholt hatte, hörte sie und kam herauf. Sie erzählte ihm, in der Geschwindigkeit das Notwendigste, und er lobte ihren Mut und sagte aber auch: "Jetzt ist dein Lohn für viele Jahre verloren", und machte ein betrübtes Gesicht. "Und der Rosenkranz auch!" antwortete die kluge Magd, "aber dafür haben wir das Pferd!" Wieder mußte der geistliche Herr sich wundern über die Umsicht seiner Schwester.

Inzwischen hatte der Pfarrknecht die Leute verjagt, die das schweißbedeckte Pferd umstanden, und hatte es in den Stall geführt zu der Kuh. Und dann ergab es sich, daß das Pferd einen überaus prächtigen Sattel trug, und in den Satteltaschen fanden sich mehr als zweitausend Gulden Bargeld in Gold- und Silberstücken.