Von Christian E. Lewalter

Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht", mahnt Goethes Epigramm, und Goethes Faust sagt von sich: "Ich bin zu alt, um nur zu spielen ..." Das deutet auf eine schlechte Meinung vom Spiel. Das Spielen hebt sich da als etwas des reifen Menschen nicht ganz Würdiges, etwas Vorläufiges, Unverbindliches, kurz: als ein "nur Spielen" ab von – ja wovon? Von "des Lebens ernstem Führen", das Goethe, trotz aller "Frohnatur" und aller "Lust zu fabulieren", als den eigentlichen Gehalt seiner Existenz empfand, als das väterliche Erbgut, das ihn vor allem Abgleiten in eine nur genießende Daseinsform bewahrte. Nur wenn der Mensch ernst ist, ist er ganz Mensch. Spiele gehören in den Vorhof des Lebens.

Soweit Goethe. Dagegen nun Schiller. Zwar sagt er: "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst", aber er sagt es zum Ruhm der Kunst. Wohl sagt er: "Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet, rauscht der Wahrheit tief versteckter Born", aber diesen beiden Versen steht die in Prosa formulierte These gegenüber, die Schiller nun ganz und gar ernst genommen wissen will: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Ist das ein Widerspruch? So kann nur der meinen, der nie beobachtet hat, mit welchem Ernst Kinder ihre Spiele spielen. An diese Ernsthaftigkeit denkt Schiller, wenn er vom "Ernst" spricht, dem sich die Wahrheit zeigt. Statt das Spielen in den Vorhof zu verweisen, warnt Schiller die im Ernst des Lebens Befangenen: "So ihr nicht werdet wie die Kinder ..."

Wir haben inzwischen eine Welt kennengelernt, von der Schiller nur die ersten Vorzeichen wahrnehmen konnte: eine Welt, in der auch alle Formen des Spiels bis hinauf zur Kunst einem von oben – will sagen: von der Obrigkeit – gesetzten Zweck unterworfen werden, eine Welt, in der die "Freizeit" der Menschen, ihr Spielraum also, organisiert wird, weil durch "Entspannung" die Arbeit rationaler "eingesetzt" werden kann. Immer enger zieht sich um uns diese "Arbeitswelt" zusammen. Die totalitären Systeme haben sie perfektioniert, die westliche Welt wird unmerklicher von ihr stranguliert. Das ist ein Zeitpunkt, wo es dringend not tut, sich wieder ernstlich auf den Wahrheitsgehalt zu besinnen, der sich im Spielen, in jedem Spielen, verwirklicht – der Zeitpunkt, wo ein zu den Tagesdingen so bewußt Dinstanz haltender Denker wie Friedrich George Jünger die Aufmerksamkeit aller mit der Arbeitswelt Ringenden mit einem Buch finden müßte, das dies Spielen wieder, wie einst Schiller, als eins der Urphänomene des menschlichen Daseins zu beschreiben und in seiner Unentbehrlichkeit zu rechtfertigen weiß (selbst vor Goethe). Es heißt ganz einfach Die Spiele, hat den Untertitel: "Ein Schlüssel zu ihrer Bedeutung" und ist bei Vittorio Klostermann in Frankfurt erschienen.

Kann man sich ein Leben denken, in dem alles Spiel ist? Viele werden sagen, daß diese Frage allenfalls ein Spiel der Phantasie auslösen, aber keine Antwort finden kann, die uns in unserer Situation weiterhilft. Und ein gestrenger Moralist hat vor kurzem Jünger bereits aus dem Umstand einen Vorwurf gemacht, daß er so eine Frage überhaupt aufwirft. Nun ist es gar nicht nötig die freie Phantasie zu bemühen. Es hat, und sogar in Europa, Zeiten gegeben, in denen das Leben bis zur Perfektion unter die heiter-ernsten Regeln des Spiels gestellt war – nicht einmal den Krieg ausgenommen. Das war der "Herbst des Mittelalters", jene Kultur, die durch die Reformation gesprengt wurde. Es war die hohe Blütezeit der Turnierspiele, die wir meist als Gleichnis des Krieges verstehen. Es war aber auch die Zeit, in der die Kriege Gleichnisse des Turniers waren, nicht lebensgefährlicher als diese oder als heute ein spanischer Stierkampf, in der die Kriegskunst darin bestand, daß ein Feldherr ohne Blutvergießen den Gegner in eine Lage manövrierte, die diesem die ehrenvolle Kapitulation sinnvoller erscheinen ließ als der Widerstand. Es genügte, die Übermacht zu demonstrieren, dann war das Spiel gewonnen.

Das Beispiel (es steht nicht bei Jünger, aber es paßt in seine Überlegungen) zeigt, was die moderne abendländische Welt verloren hat: das ursprüngliche Verhalten zum Spiel, wie es damals in den Mysterienspielen, später noch, während des Barock, in den Wasserspielen zum Ausdruck kam und heute, wo so viele Spiele zum Sport rationalisiert sind und das Schach durch "Theorie" für den Nichtspezialisten fast unspielbar geworden ist, nur noch in Spielen der Kinder und den ganz profanisierten Methoden des Zeitvertreibs (Canasta, Skat, Poker und Roulette etwa) zum Ausdruck kommt – ja, und dann eben an der Kunst, im Musizieren, Theater"spielen", Dichten, obwohl auch alle diese Dinge längst von strengen Moralisten unter Zwecke gesetzt werden, wie etwa Aufrichtung des Gemüts und nicht "Zersetzung", Hilfe für Ratlose und nicht "Part pour l’art", Bekenntnis und nicht Verschwiegenheit, kurz: Lebensernst und nicht "Verspieltheit".

Können wir den Verlust ersetzen? Der Krieg (auch der kalte, und gerade er), die Politik, die Wirtschaft, die Berufe, die Gesellschaft, die Propaganda, der Verkehr – alles wird von Moment zu Moment straffer durchrationalisiert. Überall zeigt sich, wie treffend Schiller erkannt hat, daß die "Bändigung des Naturtriebs durch den Verstand" zu einer Tyrannei des Rationalen führen mußte, wenn man den Spieltrieb verkümmern ließ. Man hat ihn anderthalb Jahrhunderte verkümmern lassen, ihm ein Recht auf öffentliche Wirksamkeit bestritten und ihm schließlich sogar seine letzte Domäne, das diplomatische Spiel, entrissen.

Friedrich Georg Jünger hängt nicht der Sehnsucht nach verlorenen Paradiesen nach. Er schreibt aus einer Überzeugung, die die strengen Moralisten altmodisch finden: daß die Erkenntnis eines Zustandes jederzeit hilfreicher ist als das Erteilen von Rezepten gegen eine Krankheit, mit der jeder einzelne doch auf seine individuelle Art fertig werden muß.