Westdeutschlands elektrotechnische Industrie hat sich im abgelaufenen Jahr sowohl in bezug auf den Inland- wie auf den Exportumsatz noch relativ günstig entwickeln können. Ihre Inlandproduktion (Bundesrepublik und Westberlin) stieg im Wert von 5,5 Mrd. auf rd. 6 Mrd. DM. Die Zuwachsrate des Inlandumsatzes liegt naturgemäß nicht mehr im Rahmen früherer Relationen. Diese Entwicklung ist bis zu einem gewissen Grad in der Tatsache begründet, daß im Bereich der gesamten Wirtschaft eine gewisse Konsolidierung stattgefunden hat. Indessen könnte die elektrotechnische Industrie ihren Anteil am Sozialprodukt noch erheblich verbessern, wenn eine Reihe von Fragen gelöst werden würden, die nicht nur für die Elektroindustrie, sondern auch für andere Wirtschaftszweige von Bedeutung sind. In diesem Zusammenhang nennen wir in erster Linie die Verbesserung der Investitionsmöglichkeiten durch Schaffung eines funktionsfähigen Kapitalmarktes. Das erste Kapitalmarktförderungsgesetz hat den freien Wettbewerb auf dem Kapitalmarkt weitgehend durch einseitige Bevorzugung der öffentlichen Hand eingeschränkt. Es erscheint dringend erforderlich, daß im Wege eines zweiten Kapitalmarktförderungsgesetzes die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß die Ausgabe von Obligationen und Aktien seitens der Industrie ebenfalls steuerlich so gestellt wird, daß diese Papiere eine Belebung auf den Kapitalmarkt ausüben.

Die Entwicklung gerade der elektrotechnischen Industrie hängt weiterhin eng zusammen mit den Möglichkeiten großer Auftraggeber, wie Bundesbahn und Bundespost, zur Modernisierung und zum Ausbau ihrer Verkehrsanlagen. Die Fernmeldetechnik, die Kabelindustrie und die Fernmeldetorenindustrie sind bezüglich ihrer Beschäftigungslage ganz besonders auf Bestellungen von Bundesbahn und Bundespost angewiesen. Abgesehen hiervon erwartet die elektrotechnische Industrie, daß gewisse Lücken im Elektrifizierungsprogramm Ruhrgebiet-Bayern bzw. Schweiz unter Einschaltung der Weltbank oder etwa auf dem Einschaltung geschlossen werden, nachdem ein Teil dieses Programms durch Kredite der Länder oder aus Schweizer Hand in finanzieller Hinsicht als gesichert erscheint.

Die elektrotechnische Industrie konnte in 1952 ihr Exportvolumen noch um 50 v. H. auf 1,1 Mrd. DM erhöhen und gehört damit bei einem Gesamtexport der Industrie im Bundesgebiet von 16,6 Mrd. DM mit zu ihren ausfuhrintensivsten Zweigen. Wenn bei anderen Industriegruppen gewisse Sättigungserscheinungen auf den Weltmärkten eine exporthemmende oder -begrenzende Wirkung ausüben, so gilt dies nicht in gleicher Weise für die elektrotechnische Industrie, denn nach den bisherigen Erfahrungen verdoppelt sich die Energieerzeugung in den einzelnen Ländern durchschnittlich etwa alle 10 Jahre – ein Prozeß, dessen Beendigung im Hinblick auf die fortschreitende Industrialisierung und Förderung bisher unentwickelter Gebiete noch in keiner Weise abzusehen ist. Auf der Schwachstromseite wiederum zeigt die Entwicklung der Hochfrequenztechnik noch sehr umfangreiche Möglichkeiten. Die Dynamik gerade dieses Zweiges ist ersichtlich aus einer Gegenüberstellung des Umsatzes der Electronics Industry in den USA, die sich von 250 Mill. $ in 1940 auf 4 Mrd. $ in 1952 gesteigert hat. Gerade in diesem Bereich wird klar ersichtlich, daß die elektrotechnische Industrie eine relativ junge Industrie ist, deren Fabrikationsprogramm durch die Aufnahme völlig neuer Arbeitsgebiete noch eine beträchtliche Ausweitung erfahren kann. Der Auftragseingang in der Elektrotechnik hat sich daher auch in den ersten Monaten dieses Jahres günstig entwickelt.

Es kommt hinzu, daß die deutsche elektrotechnische Industrie am Welt-Elektroexport bis zum Weltkrieg im Wert an erster Stelle stand und bisher erst wieder den dritten Platz erringen konnte. Dabei muß man berücksichtigen, daß der Welt-Elektroexport 1936 etwa 400 Mill. § betrug, jedoch 1952 auf 2,5 Mrd. § angewachsen ist. Diese Entwicklung bestätigt einmal die vorhergegebene Darstellung über die Entwicklungsmöglichkeiten der Elektroindustrie schlechthin, sie beweist aber auf der anderen Seite, daß die deutsche Elektroindustrie noch bei weitem nicht ihre frühere Stellung am Weltmarkt wieder hat gewinnen können; sie nimmt an diesem Umsatz heute mit 11 v. H. teil, gegenüber England mit 29 v. H. und USA. mit 31 v. H. Es ist mithin unbegründet, wenn gerade von englischer Seite auf das erhebliche Anwachsen des deutschen Elektroexports hingewiesen wird, während verschwiegen wird, daß England von 19 v. H. in 1936 sich auf die 29 v. H. Anteile am Welt-Elektroexport hat verbessern können.

Der Export der elektrotechnischen Industrie, vor allem an Investitionsgütern, würde sich ohne weiteres steigern lassen, wenn in der Frage der langfristigen Exportfinanzierung eine zufriedenstellende Lösung gefunden werden würde. Im vergangenen Jahr hat die Elektroindustrie Millionenaufträge nicht übernehmen können, weil sie nicht in der Lage war, Großprojekte mit einem Kreditüberhang von mehr als vier Jahren zu bedienen. Auch z. Z. steht sie in Verhandlungen mit erheblichen Anlageaufträgen in verschiedenen Ländern der Welt. Es ist daher notwendig, daß im Wege einer Exportanleihe oder sonst in geeigneter Weise alsbald die Mittel zur Verfügung gestellt werden, um gegenüber der ausländischen Konkurrent, die bei großen Projekten mit Lieferfristen bis zu acht Jahren arbeitet, bestehen zu können. In der Frage der Behebung von Konvertierungs- und Transferschwierigkeiten sind gewisse Erleichterungen durch die Einführung der Pauschalgarantie geschaffen worden. Sie reichen jedoch noch nicht aus, um die Risiken politischer Natur zu decken.

Die in diesem Zusammenhang gelegentlich erörterte Frage der Notwendigkeit einer Exportdrosselung ist zu verneinen. Wenn auch ein Export nicht gerechtfertigt sein kann, sobald für einen Exportüberschuß kein echter Devisentransfer möglich ist, so kann doch andererseits nicht außer Betracht gelassen werden, daß exportorientierte Industriezweige bezüglich ihrer Beschäftigungslage vom Auslandabsatz sehr abhängig sind, daß ferner, der deutsche Export die Rohstoff- und Ernährungsbasis sicherstellen, und er schließlich den Ausgleich schaffen muß für die jetzt anlaufende Abdeckung der Auslandsverschuldung auf Grund der geschlossenen Abkommen. Hellmut Trute