Wir sahen:

Das deutsche Fernsehnetz dehnt sich in schnellem Tempo aus; Mitte Mai wird es schon Frankfurt erreicht haben. Ob allerdings die Zahl der Fernsehteilnehmer in schnellem Tempo wächst, hängt vom Programm ab. Bei Publikum und Kritik melden sich mancherlei Bedenken, die schleunigst behoben werden müssen, wenn das Verhältnis von technischem Aufwand und Teilnehmerzahl (zur Zeit erst wenige tausend, dagegen in England zwei Millionen) sich bessern soll. Greifen wir eins von den verlockenderen Programmen der letzten Woche heraus. Würden sich zwei Millionen dafür interessieren? Eine "Tagesschau" aus Wochenschaumaterial, Ausschnitte aus einem mexikanischen Film, unterbrochen durch ein Interview mit dessen Produzenten Rodolfo Loewenthal, ein halbstündiges Fernsehspiel nach einem Bühnen-Einakter, ein Kulturfilm über Zypern, ein Kurzfilm über Elizabeth II Da sieht man förmlich, wie die Fernsehenden seufzen. Eigenarbeiten waren nur: das Spiel nach Curt Goetz’ Groteske "Der Hund im Hirn", mit originellem Auftakt in Gestalt des mitwirkenden Schäferhundes Hektor als "Metro-Goldwyn-Löwe", von Karl-Heinz Schroth als Regie-Debut im Fernsehbunker inszeniert, und die beiden kulinarischen Sendungen. Beider ersten, dem Feature über den Apfel, gaben Christian Diederich Hahn als wissenschaftlich sattelfester Landwirt und ein Arzt ernährungsphysiologische Erläuterungen, in die Filmstreifen über den Obstbau an der Bergstraße geschickt eingeblendet waren. Am reizvollsten, weil nur über den Bildschirm darzustellen, war Clemens Wilmenrods Zehn-Minuten-Kurs in praktischer Kochkunst: Fischfilet mit einer Lauch-Curry-Sauce (kanadisches Rezept) und Gurkensalat. Eigentlich nur hier war der Sinn des Sehfunks realisiert: den Zuschauer persönlich anzusprechen. Auch die liebenswürdige Standard-Ansagerin des Abendprogramms versuchte das mit etwas mehr Glück als bisher.

Wir hörten:

Ein antiker Stoff erschien in einer Aufnahme des RIAS, die der Südwestfunk sendete, in André Gides szenischem Oratorium "Persephone" mit der Musik von Igor Strawinsky aus der Zeit, in der der große Komponist sich vor allem von den Meistern des französischen Barock, Couperin, Rameau und anderen, inspirieren ließ (1929). Diese arkadische Musik hat Ferenc Fricsay mit aller durchsichtigen Heiterkeit, die ihr eigen ist, von seinem so exzellenten RIAS-Orchester, dem Chor der Berliner Hedwigs-Kathedrale und so hervorragend stilsicheren Künstlern wie Marianne Hoppe und Helmuth Krebs, aufführen lassen.

In einem Abonnementskonzert ein beim ersten Hören so sprödes Werk wie Arnold Schönbergs Orchester-Variationen zu spielen, wäre vor fünfundzwanzig Jahren, als das Werk neu war, ein undurchführbares Wagnis gewesen. Daß das deutsche Konzertpublikum heute so viel aufgeschlossener für moderne Musik ist als damals, ist nicht zum geringsten das Verdienst von Hans Rosbaud, dem bedeutenden Orchester- und Publikumserzieher. Er spielte die Variationen im Konzert des Kölner Rundfunk – Sinfonie – Orchesters (übertragen vom NWDR) und erntete frenetischen Beifall – nicht für sich, sondern für das weitgespannte Werk, in dem Schönberg gezeigt hat, wie elastisch er seine Zwölftonreihen zu modulieren wußte.

Daß es möglich ist, aus der meist mit lässiger Hand betriebenen Bücherschau im Funk ein künstlerisch gerundetes und unmittelbar packendes Bild einer menschlichen Grenzsituation zu entwickeln, zeigte Siegfried Lenz in seiner Sendung "Dawai, Kamerad, Dawai!" im Nachtprogramm des NWDR Hamburg. In Zitaten aus Büchern von und über Kriegsgefangene wurde die eigentümliche Verschiebung, deutlich, die für den Gefangenen in seinem Verhältnis zu Zeit, Raum, Eigentum, Arbeit, Mitmensch und Schicksal eintritt. Im erläuternden Zwiegespräch arbeitete Lenz den tröstlichen Gedanken heraus, daß die Uniformität des Gefangenschaftserlebnisses nur seine eine Seite ist, daß aber jeder einzelne Gefangene in der Intensität des Erlebens und in dem Maß des Wartenkönnens und Überstehenwollens seine eigene Freiheit bewährt – und sei es die Freiheit der Revolte durch Gleichgültigkeit.

Wir werden sehen: