Von Marion Gräfin Dönhoff

Tunis, im April

Von Algier aus, wo alle Hotels überfüllt waren, hatte ich telegraphisch ein Zimmer in Tunis bestellt – eine überflüssige Maßnahme. Als ich nämlich am Morgen nach meiner Ankunft aus meinem Fenster schaute, stellte ich fest, daß in allen fünf Stockwerken meines Hotels die Fensterläden geschlossen blieben, ich war offensichtlich der einzige Gast, und dies mitten in der Fremdensaison. Die Erklärung war unschwer aus der Morgenzeitung zu entnehmen, denn dort waren mit außerordentlicher Genauigkeit acht kleinere Bombenattentate und andere Anschläge in verschiedenen Orten des Landes verzeichnet. Seit den blutigen Unruhen des letzten Jahres, die lange Zeit anhielten, ist Tunis nicht wieder vollständig zu normalem Zustand zurückgekehrt. Auch wirtschaftlich nicht. Eine gewisse Kapitalflucht hat stattgefunden, das Budget ist defizitär, Kredit schwer zu bekommen, und die Touristen meiden das Land.

Es gibt aber noch andere Unterschiede zwischen der Hauptstadt von Algier und der Hauptstadt von Tunis: Wenn man in Algier seine Schuhe abends vor die Tür stellt, findet man sie des Morgens spiegelblank geputzt vor, während in Tunis keinerlei Veränderung an ihnen vorgenommen wird. In Tunis läßt man sich nämlich die Schuhe auf der Straße putzen, denn Tunis – das ist der Orient. Die Stadt wirkt wie eine altmodische Provinzstadt, obwohl hier genau so viele Menschen wie in Algier leben. Auch das ist typisch für den Orient, daß eine Stadt von 450 000 Einwohnern so aussieht wie anderswo ein Ort mit 100 000 Einwohnern.

Was hingegen den Bildungsstand der Bevölkerung angeht, so sind die Tunesier weit entwickelter als die Marokkaner oder die Algerier. Es gibt eine ganze Reihe ausgezeichneter Ärzte und Advokaten. Viele Arbeiter und Angestellte sind gewerkschaftlich organisiert, und der Prozentsatz der Kinder, die eine Schule besuchen, ist höher als in den beiden anderen nordafrikanischen Ländern.

Es ist erstaunlich, wieviel Pionierarbeit von den Franzosen seit jenem Vertrag von 1881, der Tunis praktisch zu einem französischen Protektorat gemacht hat, geleistet wurde. Nicht nur die Schulen, die überall erreichtet sind –, auchdie heutigen Resourcen des Landes: die großen Olivenbaumkulturen, die Wein- und Südfruchtplantagen, die Erschließung der Phosphat-, Blei- und Erzvorkommen gehen ausschließlich auf französische Initiative zurück. Erst, wenn man bedenkt, daß es 1881 nur zwei feste Straßen gab, von denen die eine vier Kilometer lang war, die andere zwölf Kilometer, versteht man, was es heißt, daß heute 15 000 Kilometer meist erstklassiger Straßen das Land durchziehen. Seit 1945 hat Frankreich etwa 65 Milliarden Francs in Tunis investiert und überdies die Fehlbeträge des Budgets der letzten beiden Jahre ausgeglichen. Eine schwere Last für das französische Mutterland, das einen kostspieligen Krieg in Indochina führt und selber hart um den Ausgleich seines Budgets kämpft.

Woher stammen dann aber die politischen Schwierigkeiten in Tunis? Sie sind wiederum auf dieses Aufbauwerk und den allgemeinen Fortschritt zurückzuführen; denn natürlich sagen die Tunesier: Wieso läßt man uns nicht viel stärker in die Verwaltung hinein, nachdem wir so viel gelernt haben? Warum gibt es kein tunesisches Parlament, wo wir doch von den Franzosen erfahren haben, daß Gewaltenteilung die Grundlage eines modernen Staates und jedenfalls die Voraussetzung der so erstrebenswerten Demokratie sei?