Von W.-O. Reichelt

Der frühere britische Gouverneur von Hamburg, Sir Vaughan Berry, hat einmal – als Vorsitzender der britischen Delegation bei der Internationalen Ruhrbehörde – eine prachtvolle "Sprachregelung" an einige deutsche Journalisten gegeben, die mit der Politik der Ruhrbehörde unzufrieden waren und Sir Vaughan ihr Leid klagten. Die deutsche Wirtschaftspresse, so meinte Sir Vaughan, solle nicht so viel von der Ruhrbehörde sprechen: es wäre klüger, den eigenwilligen Kontrollapparat im Atlantic-House an der Düsseldorfer Kavalleriestraße als "eine schlafende Schönheit an der Ruhr" anzusehen. Sie würde dann um so unauffälliger und geruhsamer in ihre Endrunde eintreten und sich zum Sterben vorbereiten können.

Jenes Bonmot von der "schlafenden Schönheit an der Ruhr" machte dann bald seine Runde durch Westdeutschland. Es kam uns in den letzten Wochen wieder in das Gedächtnis zurück, nämlich immer dann, wenn in Diskussionen oder publizistischen Auseinandersetzungen von der deutschen Gewerkschaftsführung, also dem Bundesvorstand des DGB in der Stromstraße 8 in Düsseldorf am Rheinufer, die Rede war.

Die deutsche Öffentlichkeit hatte sich von etwa 1946/47 bis etwa Mitte 1952 mit einer ungewöhnlichen Betriebsamkeit, mit teilweise vorzüglich angelegten Vorstößen und mit unzweifelhaften Erfolgen der höchsten DGB-Politik auseinanderzusetzen. Dem Chronisten und Kommentator wirtschaftlicher, industriepolitischer und gewerkschaftlicher Vorgänge fällt es auf, daß seit Herbst 1952 die DGB-Führung offenbar in einen massiven Winterschlaf verfallen ist. Darüber ist sich auch der DGB-Gehirntrust nicht im unklaren, obwohl (oder vielleicht weil) ein entscheidender Teil dieses Trusts seit Christian Fettes Niedergang und Abgang an wichtigen Stellen ausgewechselt worden ist.

Als viele Monate nach der Wahl von Walter Freitag zum Nachfolger Fettes und Böcklers eine erste Pressekonferenz in Düsseldorf durchgeführt wurde, entschuldigten sich die Sprecher des DGB-Bundesvorstandes den Journalisten gegenüber für das verflossene "Interregnum" und versprachen neue Lebendigkeit. Für die Gewerkschaftsbewegung wäre es ja wohl wichtig, wenn die Ablösung der Wache und die Periode verringerter Aktivität endlich abgeschlossen werden würde. Wir mochten aber, aus Kenntnis vieler interner Vorgänge, eher meinen, daß die Krise in der Gewerkschaftsführung noch nicht beendet ist. Vielleicht wäre es sogar nicht zu kühn, auszusprechen, daß die Krise erst an ihrem Anfang steht. Sie ist allerdings nach außen hin "nur" eine Personal- und Führungskrise, nach innen gesehen jedoch eine mehr und mehr offen zutage tretende geistige Krise dieser ganz überwiegend sozialistisch orientierten Arbeitnehmerorganisation schlechthin.

Von einem Teil der Industriegewerkschaften ist eine revolutionäre Aktion gestartet worden, die mit der Einsetzung Georg Reuters als Stellvertreter Walter Freitags im DGB-Bundesvorstand wohl den stärksten Ausdruck fand. Dieser Vorstoß sollte jene Intelligenz und jene Akademiker in einflußreichen Gewerkschaftsposten "ausradieren", die in den vergangenen Jahren einen ehrlich gemeinten Kontakt und verständigungsbereiten Kurs gesteuert hatten. Mit oft peinlich anmutenden Methoden wurden verdiente Männer der Böckler-Zeit aus ihren Führungsposten ausgebootet, als "Schwächlinge" und "Demi-Bourgeois" bezeichnet. Bewußt wird ein Trennungsstrich vom DGB zu ihrer Gedankenwelt und ihrem gesellschaftlichen Umgang gezogen. "Es ist nicht die Aufgabe der Gewerkschaften, einer Arbeitsgemeinschaft mit der Unternehmerschaft das Wort zu reden. Ihre Aufgabe ist vielmehr der Kampf." So formulierten Walter Freitags ehemalige Industriegewerkschaft Metall und die Industriegewerkschaft öffentliche Dienste kürzlich den "neuen Kurs".

In erschreckender Weise häufen sich nun die Anzeichen, daß man in die Klassenkampfparolen und Klassenkampfmethoden vergangener Generationen zurückfällt. Dieser neue Kurs ist jedoch nicht das Ergebnis einer geistigen Durchdringung der aktuell len gewerkschaftlichen Probleme. Was heute als methodische Richtlinie und neue Lebendigkeit vom DGB versprochen wird, ist in Wirklichkeit ein Verschanzen hinter Prinzipien, die sich vor einem halben Jahrhundert bewährt hatten, die in der Gegenwart aber einem Primitivitätskult ähneln, der erschauern läßt.