Wenn im April an der Strandpromenade und in den Parks von Travemünde die Bäume und Sträucher blühen, kann es im nördlichsten Winkel Deutschlands, auf der Insel Sylt, passieren, daß die Frühlingsseestürme den Sandstrand wie eine Fontäne in die Luft werfen. Das ist ein großartiges Bild, das der Betrachter am besten von den Steilküsten, den Kliffs, genießen kann. Auch ihn erreicht der starke Wind, durchpustet ihn sozusagen, preßt ihn, massiert ihn, gibt ihm einen Geschmack – nein, nicht von Sand, sondern von Freiheit und Leben.

Zwischen Nord- und Ostsee dem Winde preisgegeben, ist Schleswig-Holstein jene Landschaft, in der Ost und West in der Natur sich treffen. Wer in Husum aussteigt und über die Deiche geht – die Sonne scheint zwischen schweren, dunklen Wolken hindurch, und in der Luft ist immer etwas von einer schimmernden Helle–, der kann sich auch wie in Holland fühlen (es braucht dazu noch nicht einmal eine Windmühle am Horizont ihre Flügel zu drehen). Und wenn ein Balte an der holsteinischen Ostseeküste aus den Nadelwäldern an die blaßblaue See tritt, kann es sein, daß für Sekunden Glück in ihm einzieht, denn auch im Kurland hatte die See diese blaßblaue Farbe; nur daß die Luft in der alten Heimat eine Idee mehr nach Land noch als hier...

Diese Natur könnte dramatisch sein: ein Aufeinanderprallen zweier Welten. Doch die Dramatik hat sich hier in Übereinstimmung aufgelöst, in leises Abgleiten der Gegensätze.

Deshalb haben die Seen und Wälder zwischen den Meeren etwas sanft Melancholisches. Ost und West haben auf ihre kräftigsten Farben verzichtet. Und es ist das notwendig Unentschiedene der Natur, das den Menschen anregt, zu sich selbst zu kommen. Sich selbst zu finden – schönster Erfolg einer Erholung!

Nichts ist unsinniger, als solches Land mit Saisonbegriffen zu belegen. Nach Schleswig-Holstein kann man zu jeder Jahreszeit fahren. Natur ist immer da. Und immer jene Geruhsamkeit von Land und Leuten, jener eine bedächtige Tagesablauf, dem das Hastige und Überdrehte fehlt und der deshalb so erholsam ist.