Ein Verbot für jedermann, sich als Nachfolger Stalins zu bezeichnen, mit den Attributen seiner Macht sich zu schmücken und Gehorsam nebst Lobpreisung zu verlangen, ist von der Prawda ausgesprochen worden. Nur so ist der Artikel zu verstehen, der den Begriff des „Führerkollektivs“ in das sowjetische politische Denken einführt und damit die erste Fortbildung der „Lehre“ nach dem Tode des Meisters vornimmt.

Kein einzelner Diktator soll es fürderhin sein, der Rußland regiert. Eine Diktatorengruppe soll es sein; eine „Kohorte“, wie Berija es an Stalins Grab ausgedrückt hat. Und es ist wohl möglich, daß Stalin selbst testamentarisch gewünscht hat; die Macht solle sich fortan auf ein Direktorium verteilen. Er wußte schließlich aus eigener Erfahrung um die Gefahren, die einem Staat drohen, wenn ein einzelner unterwegs ist, sich zum Diktator zu machen.

Zu Stalins 70. Geburtstag hatte noch der Chef seiner Privatkanzlei, Poskrebyschew, sein Vertrauter in den letzten Jahren, in der Prawda den „geliebten Vater und großen Führer“ als lenkende Kraft des Staates und der Partei feierlich gepriesen. Heute hat die gleiche Prawda etwas einzuwenden gegen Autokraten, die sich allwissend dünken, alles anordnen und nur Zustimmung hören wollen. Sie erzeugten, so schreibt das Sowjetblatt, nur eine Atmosphäre von „Speichelleckerei“ und „Kriecherei“. Belege dafür ließen sich aus der Stalinperiode tausendfach finden, doch diese Prawda-Betrachtung war eben nicht an den toten Stalin gerichtet, sondern wurde zweifelsohne Malenkow ins Stammbuch geschrieben. Bedeutsames Zeichen, daß in der Sowjetunion nicht alles beim alten ist. Es ist die Direktorialverfassung, die den Charakter des Staates verändert. Doch die politischen und sozialen Konsequenzen sind noch nicht zu übersehen.

Wie soll – so fragt man sich – eine regierende Schicht, statt eines Diktators, herausgehoben werden, ohne daß sie durch einen Führerkult, der nur auf die Person bezogen werden kann, geschützt ist? Stalin wurde stets sehr besorgt, wenn er davon sprach, daß die „Verbindung mit der breiten Masse“ gewahrt bleiben müsse. Noch in seiner letzten Schrift, den „ökonomischen Problemen“, vertrat er die wohlmeinende Ansicht, die soziale Ungleichheit müsse gelindert werden. Verdoppelung des Reallohnes, Verkürzung der Arbeitszeit, polytechnische Bildung und verbesserte Wohnverhältnisse seien für ihn „Grundbedingungen für die Vorbereitung des Überganges zum Kommunismus“. Stalin zeigte damit, daß er sich bewußt war, was er angerichtet hatte, als er Privilegien schuf. Er wußte, daß eine autoritäre Führung leicht isoliert wird: ein Prozeß, der durch den Tod des einzigen Mannes, dessen Namen Gewicht bei allen Völkern Rußlands hatte, nur beschleunigt wird.

Der 1. Mai wird den Nachfolgern Gelegenheit geben, mit neuen Parolen hervorzutreten. Wird sich Woroschilow äußern, der, mehr durch Treue als durch Geistesgaben ausgezeichnet, sich als Wahrer Stalinschen Erbes fühlen mag? Wird Malenkow seine Zurückhaltung aufgeben, die schon Anlaß zu Gerüchten gibt? Werden weitere Maßnahmen zur Liquidierung des Kalten Krieges angekündigt werden? Ist es wirklich ernst mit der Versicherung Berijas, daß die „Kohorte“, die sich „die Lenin-Stalinsche Kunst der Führung angeeignet“ habe, in Zukunft ohne Oberhaupt miteinander auskommen soll? Das hieße, das Bemühen um die Balance der Kräfte zu verewigen.

In der Demokratie vollzieht sich der Austrag der Gegensätze in der Öffentlichkeit und unter Beteiligung der Gesamtheit nach bestimmten Spielregeln. Die Idee des Führerkollektivs aber verlegt den politischen Kampf nicht nur hinter die Kremlmauern. Die Autokratie, die alle in der Geltung des Einen vereinte, war umfassend. Das Führerkollektiv legt die Rivalität als Regierungsprinzip fest. Darin liegt eine latente Sprengkraft verborgen, die das Werk Stalins in seiner politischen und soziologischen Formung bedroht und von der die Welt noch einiges erwarten kann. Harald Laeuen