K. W. Berlin, im April 1953

Der Brief, den die Sowjetregierung an das Zentralkomitee der SED gerichtet hat, dürfte mit der Moskauer Friedensoffensive nichts zu tun haben, sondern eine Antwort auf den Notruf sein, den das Zentralkomitee der SED vor kurzem an den General Tschuikow gerichtet hat. Aus diesem Notruf ging hervor, daß die Sowjetzone noch immer laufend große Mengen an Lebensmitteln an Sowjetrußland als Reparationsleistungen liefern muß. Die Sowjetzonen-Regierung hat nun gebeten, ihr wenigstens bis August dieses Jahres einen Teil der Verpflichtungen zu stunden. Obwohl sie nämlich einigen hunderttausend Sowjetzohnenbewohnern die Lebensmittelkarten entzogen hat, ist die Ernährungslage bis zur neuen Ernte äußerst kritisch.

Die Moskauer Regierung hat nun dem Ministerpräsidenten Grotewohl "umfangreiche freundschaftliche Maßnahmen" angekündigt, die "dem Aufbau der Wirtschaft" dienen sollen. Dies ist jedenfalls ein Manöver, sich der deutschen Sowjetzone aufs neue zu versichern, in dem Augenblick, da Adenauers Amerikareise Leistung und Gewicht der Bundesrepublik innerhalb der westlichen Welt so betont unterstrichen hat.

Gleichzeitig wird bekannt, daß die Volkskammer ein Schreiben an das britische Unterhaus gerichtet hat. Die Absicht ist eindeutig. England soll gegen die Verbindung der Bundesrepublik mit "dem Westen mißtrauisch gemacht werden. Es wird den Engländern vorgestellt, die Wirtschaftskonkurrenz mit der Bundesrepublik werde sich sofort zugunsten der Engländer wenden, wenn sie mit dem kommunistischen Teil Deutschlands zusammengingen. Was aber dabei herauskommen würde, zeigt am besten die von den Sowjets angeregte Luftkonferenz, die seit 14 Tagen in Berlin stattfindet. Bisher ist man über den sowjetischen Vorschlag, statt der drei bisherigen – je dreißig Kilometer breiten – Luftkorridore zwischen Berlin und der Bundesrepublik einen einzigen mit etwa 90 Kilometer Breite zu schaffen, nicht hinausgekommen.

Auffallend ist auch, daß ausgerechnet in diesem Augenblick der politische Berater des Generals Tschuikow, Botschafter Semjonow, abberufen worden ist. Er ist ein Vertrauensmann Berijas und gilt als verständigungsfreundlich. Sein Nachfolger Jüdin ist Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU und war bei der Gründung des Kominform in dessen Informationsbüro beschäftigt. Er ist allgemein, als ideologischer Experte bekannt. Es ist daher nicht wahrscheinlich, daß er dem Verständigungsflügel angehört.

So ist weder in Berlin noch in der Sowjetzone irgend etwas zu entdecken, was auf eine radikale Wendung in der Politik der neuen Männer des Kreml schließen ließe.