Zu Tore Hamsuns Biographie seines Vaters

Von Walter Abendroth

Die Leute sollten mehr Biographien lesen, damit das Gefühl für Rang- und Größenunterschiede sich allgemein’ wieder ein wenig entwickele; denn dieses Gefühl ist allzusehr aus der Mode gekommen. Nicht, daß man "große Männer" nicht mehr haben wollte. Aber man will nicht mehr (partout nicht mehr), daß diese anders aussehen, sich anders gebärden, anders denken und anders handeln als man es von seines eigenen Gleichen gewöhnt ist. Man wünscht sich heute außergewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Köpfen und Herzen.

Diese Gedanken drängen sich auf angesichts des widrigen Schicksals, das dem Dichter Knut Hamsun noch in den letzten Jahren seines Lebens beschieden war. Das Bild, wie dieser rassige alte Wildling, der ungezähmt in seiner urkräftigen Originalität durch die Jahrzehnte gestürmt war, an der Grenze der Neunziger für seine politischen Meinungen zur Verantwortung gezogen wird, hat etwas Traurig-Lächerliches. Wer ist es denn, der hier Verantwortung fordert? Gewiß, natürlich, zweifellos –: es sind nur anständige Bürger, gute Patrioten, noch bessere Demokraten. Und da die Meinung, die sie vertreten, gerade die aktuelle ist, so sind es, wie Strindberg das mit tödlich treffender Prägnanz, doch keineswegs ironisch nennt – "alle Rechtdenkenden". Wir "haben es mit Ehrenmännern zu tun", daran ist nicht zu rütteln. Allein – wer sind sie, gegenüber dem einen Knut Hamsun? Gehört er unter ihre Vormundschaft? Waren ihre Maßstäbe ihm jemals gemäß? Entsprach er jemals ihrem Format, vordem, als er noch nicht straffällig geworden war in ihren Augen? Oder war er nicht vielmehr immer schon strafwürdig, zum mindesten unbehaglich, wenn nicht allen, so doch vielen, wahrscheinlich den meisten von ihnen –, nur daß sie ihm nicht recht beikommen konnten bis zu diesem Augenblick? Es ist schwer, bei einem solchen Vorgang nicht den Verdacht einer lange anstehenden Abrechnung zu haben. Jener Abrechnung nämlich, deren Stoff sich stets anhäuft zwischen Genie und Normalmaß, weil das letzte sich stets durch das erste belastet, bedrückt, wenigstens irgendwie "geniert" fühlen muß. Wie schön, wenn diese Beklemmung einmal abgeworfen werden kann, wenn der geistig Unterlegene sich einmal mit so vortrefflichen Argumenten, wie es politische, besonders patriotische immer sind, moralisch überlegen zeigen darf! Dann gibt es jenen Triumph, der auch in früheren Zeiten schon oft und gern gefeiert worden ist, der aber als beherrschende Tendenz heute mehr denn irgendwann in der Luft liegt: den Triumph der Norm, der Majorität, der Mehrzahl über die Persönlichkeit; den Triumph "aller Rechtdenkenden" über den einen Selbstdenkenden.

Keine zureichenden Schuldbeweise..

Sie haben diesen Triumph eine schöne Weile genossen, die da über den, altes Hamsun zu Gericht saßen, inner- und außerhalb der Schranken. Doch ein kleines Faktum wirft ein vielsagendes Licht auf die "Rechtdenkenden"; sie beriefen sich alle auf Vaterland, Volk und Nation; aber das einfache eigentliche Volk, das den Dichter vielleicht nicht aus seinen Büchern, aber aus der Lebensnähe kannte, demonstrierte gegen das Verfahren durch Abwesenheit. Beim Gerichtstermin gab es zwar Journalisten und Photographen, aber kein Publikum ...

Es ist schön und erfreulich, daß es jetzt eine sachliche Darstellung dieses Dichterlebens gibt, aus der uns die Gestalt in wünschenswerter Deutlichkeit vor Augen tritt. Zwar ist der Autor der leibliche Sohn, Tore Hamsun. Jedoch: er hat nur Dokumente oder, in schlichter Erzählung, Tatsachen sprechen lassen, und seine Liebe ist frei von Vorurteilen. Es gibt in dem Buch keine Stelle, an welcher der Leser etwa skeptisch fragen dürfte: "Na, na, ob das wohl so stimmt?" (Tore Hamsun: "Knut Hamsun. Mein Vater". Deutsche Übersetzung von Werner von Grünau, Paul List Verlag, München. 461 S., 32 Bildtafeln, L. 14,80 DM).