Schiller, Kleist und Büchner sind seit neuestem für das französische Theater entdeckt worden. Es ist kaum anzunehmen, daß Hauptmanns "Ratten" ähnlich reüssieren könnten. Man wird sie in Paris nicht spielen, weil ihr Kolorit sich nicht umsetzen läßt. In Deutschland dagegen meinen die Dramaturgen: was in Paris gefallen hat, müsse auch bei uns gefallen – und wundern sich dann, wenn der Erfolg ausbleibt und in den Kritiken zu lesen steht, auch eine so gute Aufführung wie die des...-Theaters habe das Stück nicht retten können.

Den Hamburger Kammerspielen erging es so, als man dort glaubte, in Marcel Achards Montmartre-Komödie "Es geht auch ohne Geld" (Le Moulin de la Galotte) die große Lustspiel-Paraderolle für Hilde Krahl gefunden zu haben. Milieu: die unverwüstliche Mansarde. Thema: das unverwüstliche Dreieck. Personen: das Ehepaar, der Galan, dessen snobistische Frau, ein guter Freund, ein Tagmädchen – alles unverwüstlich. Vorfälle: ein Hummerfrühstück, ein Ehebruch, ein Eifersuchtsmord, der sich als untauglicher Versuch am untauglichen Objekt (dem guten Freund) herausstellt, endlich Aufklärung, Rückzug des Galans, Versöhnung. Wie oft hatte das schon geklappt! Außer der eminenten Hilde Krahl standen so gute Darsteller wie Wolfgang Wahl, Marlene Riephahn und Horst Beck zur Verfügung, und Heinz Hoffmann hatte ein Dachzimmer gebaut, das war nun zum Entzücken gar. Es mußte also klappen.

Und es klappte nicht. Der Erfolg war matt, und die Kritik stellte fest, daß auch die hervorragenden Schauspieler das schwache Stück nicht hätten retten können. Man hatte nämlich nicht erkannt, daß dieser Marcel Achard gar keine Boulevardschlager schreibt, die sich so leicht verpflanzen lassen, sondern daß er mit den hergebrachten Formen des Reißers und des Rührstücks nur spielt, um in sie die Variationen seines einen Themas zu kleiden: des Themas vom "Jean la Lune", vom Hans im Glück, dem verträumten, immer zuversichtlichen, immer sorglosen Taugenichts, der schließlich immer das Schicksal auf seiner Seite hat. Achard schreibt Märchenkomödien, aber wie ein französischer Raimund dieses Jahrhunderts, also mit Gestalten aus dem "niederen Volk", in diesem Fall dem vom Montmartre. Sobald man sie nach Deutschland verpflanzt, wirken sie wie Konfektion.

Recht viel glücklicher erging es, am Ende der Woche, der anderen deutschen Uraufführung eines französischen Stückes in dem so mutigen, fleißigen und künstlerisch-sicheren "Jungen Theater", das im Hamburger Haus der "Brücke" zu Gast ist. Das ungemein frische Ensemble hatte sich unter dem klugen jungen Regisseur Dietrich Haugk an ein kniffliges Stück gewagt: Armand Salacrous "Une femme libre", dem man den etwas preziösen Titel "Gefährliche Konsequenzen" gegeben hatte. Das junge Mädchen liebt den jungen Mann, aber als er sie heiraten will, erkennt sie, daß er sich sein Glück in den Familientresor schließen möchte, und verläßt ihn, "une femme libre".

Diesmal klappte es. Das provenzalische Bürgerhaus, aus dem der junge Mann stammt und das er wie ein Schneckenhaus auch am Montparnasse mit sich herumträgt, ist mit seinen Insassen dem westfälischen oder pommerschen nicht so fremd wie Achards Montmartre der Hamburger High Bohemia. Die gebieterische Tante mit dem prügelnden Krückstock durfte Maria Martinsen getrost mit einem Anflug vom Alten Fritz spielen, und die immer verschüchterte Mutter, die ihre Kücken auf dem Teich schwimmen sieht, konnte einer so taktvollen Darstellerin wie Erna Nitter nicht daneben geraten. Hans Irle, heute schon in der ersten Reihe der jugendlichen Charakterspieler, überzeugte in der dreisten, aber kostenlosen Rebellion ebensosehr wie in der Unfähigkeit, sich vom männlichen Besitztrieb zu lösen. In der Bombenrolle der "freien Frau" zeigte Ilselore Mehne, wie Energie und Eifer ein vielleicht schmales Talent voluminös machen können. – ter