Nichts zeigt die Bedeutung wirtschaftlichen Geschehens deutlicher als das ständig wachsende Interesse, das auch "der Mann auf der Straße" wirtschaftlichen Vorgängen entgegenbringt. Es ist in Deutschland nicht immer so gewesen. Doch zwei Weltkriege, Jahre der Entbehrungen und des Hungers, haben nur allzu drastisch "aufklärend" gewirkt. Das wirtschaftliche Klima hat sich geändert, und wenn heute von Wirtschaftsförderung gesprochen wird, so weiß jeder, was damit gemeint ist, und warum sich Staat und Unternehmertum, Gewerkschaften und karitative Organisationen, Parteien und wirtschaftliche Verbände damit befassen und befassen mußten, galt es doch, aus einem Trümmerhaufen wieder einen Lebensraum zu schaffen, in dem das Leben wieder lebenswert war, in dem Jugend heranwachsen konnte, ohne allzu große Not und Gefahr.

Wie unendlich viel war zu tun und was ist alles geschehen, wenn berücksichtigt wird, daß z. B. die Bevölkerungszahl in Niedersachsen durch die große Zahl der Vertriebenen von 4,5 Millionen auf 6,8 Millionen angewachsen war, und gleichzeitig die Städte Wilhelmshaven, Emden, Braunschweig, Hannover, Osnabrück und Hildesheim zwischen 66 und 94 v. H. zerstört waren. Doch damit nicht genug, wurde auch das Wenige, was für einen Neuaufbau noch geblieben war und zur baldigen Schaffung von Arbeitsplätzen hätte dienen können, zu einem großen Teile von der Besatzungsmacht gesprengt oder demontiert. Die Folgen dieser Maßnahmen konnten nicht ausbleiben. Sie zeigten sich allerdings erst in voller Schärfe nach der Währungsreform. Zwei Zahlen sind dafür bezeichnend: Die Arbeitslosigkeit betrug Ende Juni 1948 (d. h. in der Zeit der Währungsreform) rund 60 000 und stieg, von saisonalen Schwankungen abgesehen, bis zum Höchststand Ende Februar 1950 auf 450 000. Wenn es gelungen ist, diese Entwicklung aufzufangen, so zeigt sich darin, wie erhebliche strukturelle Veränderungen im Sinne einer Konsolidierung der Verhältnisse selbst in dem flüchtlingsreichsten Land des Bundesgebiets erreicht worden sind.

Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang der Wiederaufbau der Reichswerke in Salzgitter, die, auf dem größten Eisenerzvorkommen Deutschlands basierend, die Grundlage für weittragende wirtschaftliche Veränderungen im niedersächsischen Raum bereits gebracht hat und weiterhin bringen wird. Unabhängig davon ist es den gemeinsamen Bemühungen von Bund, Land, bezirklichen und kommunalen Stellen gelungen, schwerste Wunden zu schließen und eine beispielhafte Aufbauarbeit zu leisten. Neben dem Volkswagenwerk sei nur der Name Wilhelmshaven erwähnt, das aus einer Trümmerwüste wieder zu neuem wirtschaftlichem Leben, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen wie früher, emporwächst, und bereits heute in den Olympia-Werken ein Unternehmen besitzt, das mit 4800 Beschäftigten führend in seiner Art in Deutschland ist.

Die Genugtuung, die man bei der Feststellung solcher Ergebnisse empfinden kann, darf jedoch nicht dazu verleiten, die Hände in den Schoß zu legen. Zu groß sind dafür noch die Nöte der Vertriebenen, Evakuierten und Ausgebombten, zu weitgehend auch heute noch das Ausmaß der Zerstörungen, allzu dringend die Notwendigkeit der Schaffung neuer Arbeitsplätze und damit verbunden ein großzügiger Wohnungsbau. Nichts darf unterlassen werden, um mit geringsten Mitteln den größten Erfolg zu erzielen. Wenn man an die Auswirkungen des Lastenausgleichsgesetzes und den Zweck dieses Gesetzes denkt, wird man bei der großen Zahl der Vertriebenen und Anspruchberechtigten in Niedersachsen für die Zukunft sagen müssen, daß hier noch viele wirtschaftliche Möglichkeiten unaugenutzt sind und ihrer Entschließung harren. Die Wege dazu müssen gefunden werden. Gewiß wird es nicht möglich sein, in wenigen Jahren einen Aufbau zu erreichen, zu dem man in anderen Bundesteilen in ruhigeren und friedlicheren Zeiten als heute mehr als ein Jahrhundert brauchte, aber dieser Aufbau in Niedersachsen wird fortgesetzt werden müssen, selbst wenn – was hoffentlich recht bald geschehen möge – der deutsche Osten wieder freies deutsches Land werden sollte.

Aus vielfältigen Gründen wird das deutsche Volk gezwungen sein, der industriellen Entwicklung auch auf weite Sicht hin sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. An dieser Entwicklung kann auch ein Land wie Niedersachsen nicht vorübergehen, bietet es doch bei seiner geographischen Lage zwischen Osten und Westen, zwischen Meer und Gebirge und bei seinen großen Bodenschätzen ein ideales Gebiet für die Entwicklung einer ortsgebundenen Wirtschaft, bei der durch eine gesunde Mischung von Landwirtschaft und Industrie, Handel und Handwerk ein ausreichender und angemessener Lebensraum für die gesamte niedersächsische Bevölkerung durchaus geschaffen werden kann. Hans Heider